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"Hesse ist, wer Hesse sein will" Georg August Zinn


Folgender Radiobeitrag ist für das Länderressort des Deutschlandfunks erstellt worden und wird im November 2022 gesendet:

„Schindlers Hilfe ist der Grund, warum ich leben kann“


-Der Publizist Michel Friedman begrüßt Schindler-Platz am HbF Frankfurt am Main-

Unterstützt durch seine Frau Emilie rettete der Unternehmer Oskar Schindler etwas 1200 bei ihm angestellte jüdische Zwangsarbeiterinne und Zwangsarbeiter. Mit dem mit sieben Oscars preisgekrönten Spielfilm „Schindlers Liste“ setzte ihm der Hollywood-Regisseur Steven Spielberg 1993ein künstlerisches Denkmal. Für den Film recherchierte Spielberg auch in Frankfurt am Main, wo Oskar Schindler ab den 1960er Jahren bis zu seinem Tod 1974 eine kleine Wohnung am Hauptbahnhof hatte. Nun wird der Bahnhofsvorplatz von FfM in Schindler-Platz umbenannt. Einer, der sich besonders darüber freut, ist der bekannte Publizist Michel Friedman. 

„Persönlich bedeutet es, dass dieser Mann meine Mutter, meinen Vater und meine Großmutter seligen Angedenkens gerettet hat. Sie haben den Mord, den die Deutschen organisiert haben zur Vernichtung des europäischen Judentums überleben können, weil ein Deutscher etwas getan hat, was die meisten Deutschen nicht getan haben: Er hat geholfen. Und das ist der Grund, warum auch ich leben kann, denn das Überleben meiner Eltern setzt sich in mir fort.“


Dass der Bahnhofsvorplatz in Frankfurt am Main künftig nach Oskar und Emilie Schindler benannt werden wird, freut Michel Friedman schon aus diesen persönlichen Gründen. Doch vor allem aber sieht er Oskar Schindler als ein Vorbild im Kampf um Menschenwürde und Humanismus, den zentralen Werten unserer Demokratie, die gerade von rechts heute wieder stark gefährdet seien:


„Was dieser Mann für mich symbolisiert ist, dass zu jeder Zeit der Mensch die Welt verändern kann und dies zu der Zeit, wo er es getan hat, die größte Risikolage auch für ihn selbst bestand. Es war in Polen, es war durch Nazis okkupiert, alle Konzentrationslager der Deutschen hatten ihre Schwerpunkte vor allen Dingen in Polen und er hat etwas gemacht, während andere 33,34 oder auch 39 gesagt haben: Man konnte doch nichts machen.“

Doch, sagt Michel Friedman, man konnte etwas machen, wie man auch heute wieder mehr für den Erhalt der Demokratie tun muss und das Beispiel Oskar Schindler zeige das. Der Publizist erinnert daran, wie Schindler handelte als er erfuhr, dass der Zug mit seinen jüdischen Arbeiterinnen nicht wie mit den Nazis verabredet aus dem polnischen Arbeitslager zu einem neuen Produktions-Standort im heutigen Tschechien fährt, sondern nach Auschwitz:

„Und dann geht dieser Mann nach Auschwitz, setzt sich mit dem Lagerkommandanten hin und sagt: Gibt mir meine Jüdinnen und stellt ihm einen Sack Diamanten auf den Tisch. Wer nur eine geringste Vorstellung von Auschwitz hat weiß, dass der Lagerkommandant ihn hätte erschießen können, die Diamanten in die Tasche stecken und die Jüdinnen trotzdem vergasen können. Das ist Lebensgefahr und da geht es auch nicht mehr um Scham, sondern da geht es darum, ich opfere mein Leben unter Umständen.“

Alleine deshalb müsse man das Wirken von Oskar Schindler endlich ernst nehmen. Michel Friedman erwähnt im Gespräch in seiner Anwaltskanzlei in Frankfurt am Main das Ehepaar Trautwein, das Schindler schon vor dem Spielberg-Film sehr ernst genommen habe.  Der verstorbene Dieter Trautwein war ein evangelischer Pfarrer, der mit Schindler befreundet war, als dieser in Frankfurt am Main lebte. Er habe sich schon vor Jahrzehnten für eine Oskar-Schindler-Straße in der Stadt engagiert, erinnert sich seine Frau Ursula noch heute. In einem ländlichen Vorort fand sich dann eine kleine Gasse für Schindler:

„Mein Mann hat sich sehr dafür eingesetzt und dann haben sie da in Nieder-Eschbach so ein Gässchen nach ihm benannt, weil: Ja, die Straßennamen sind schon alle vergeben und so weiter.“

Michel Friedman erklärt sich diesen lieblosen Umgang der Stadtgesellschaft in Frankfurt am Main mit Schindler damit, dass man sich viele Jahrzehnte lang mit Leuten wie Schindler lieber nicht auseinandersetzen wollte. Weil man selbst zu sehr ins Dritte Reich verstrickt gewesen sei:
„Frankfurt hatte zehn Prozent Menschen jüdischen Glaubens. Die ganze Infrastruktur der Stadt ist ohne Judentum nicht denkbar, ich will es gar nicht aufzählen. Man muss sich vergegenwärtigen, dass diese Juden hier deportiert wurden. Man muss ich vergegenwärtigen, dass viel Geschirr, Bilder, Teppiche in Frankfurter Wohnungen hingen und verwendet wurden nach 1945. Man muss sich vergegenwärtigen, dass viele Unternehmen, kleine Geschäfte und Grundstücke ebenfalls arisiert wurden. Man muss sich vergegenwärtigen, dass sich viele Menschen zwischen 1933 und 45 die Hände schmutzig gemacht haben und danach mit den schmutzigen Händen zur Maniküre gegangen sind.“

Deshalb das große Verdrängen. Oskar Schindler sei in den 1960er Jahren am Frankfurter Hauptbahnhof sogar von Nazis bespuckt worden, erinnert sich Michel Friedman. Vor wenigen Wochen haben der zuständige Ortsbeirat und die Stadtverordnetenversammlung die Ehrung für die Schindlers an zentraler Stelle beschlossen und die Bahn als Grundstückseigentümer hat keine Einwände.  Michels Friedman hält es heute für richtig, auch an Schindlers Ehefrau Emilie mit zu erinnern, wie es jetzt von der Lokalpolitik in Frankfurt am Main auf dem Bahnhofsvorplatz geplant ist:

„Sie war die ganze Zeit auch in dem Arbeitslager, sie hat sich um viele Dinge gekümmert, wie beispielsweise auch die Ernährung dieser über 1000 Menschen. Beide zusammen konnten diese Fata Morgana der Fabrik erhalten, konnten die Menschen ernähren, hatten ihnen ein Dach über den Kopf gegeben und unter diesen Umständen für jüdische Menschen ein Lebensumfeld, wo ein bisschen Würde noch möglich war. Und beide haben das bis zur Befreiung durchgehalten.“

Michel Friedmann wünscht sich, dass es nicht nur zu einer Platzumbenennung kommt. Die Schindlers könnten doch gerade für jüngere Generationen, die nicht mehr mit persönlicher Schuld belastet seien, ein Vorbild im Kampf für die Demokratie sein, glaubt er. Vielleicht werden die Schindlers ja auch  in der Paulskirche geehrt, die in den nächsten Jahren zu einem Ort ausgebaut werden soll, an dem die Geschichte und die Zukunft der Demokratie noch aktiver als bisher diskutiert werden soll:

„Vielleicht beginnt jetzt erst die Nachkriegszeit. Wo alle die, die Mörder, Mittäter, Mitläufer waren, tatsächlich sterben und zwar auf der Täterseite. Nicht auf der Opferseite, auf der Täterseite. Und dass das vielleicht die erste Möglichkeit ist, dass deren Kinder und Enkelkinder, teilweise Urenkelkinder, sich des Themas in einem Ich annehmen, ohne zu sehr Angst zu haben, was das für sie an Familie und Nicht-Erzähltem bedeutet.“
Eines sei klar, so Michel Friedman: Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit braucht auch Kunst und Kultur wie Spielbergs Film „Schindlers Liste“. Doch es muss nicht immer Hollywood sein. Manchmal beginnt es auch auf einem Bahnhofsvorplatz am Main. Es soll dort auch eine Form künstlerischen Gedenkens realisiert werden. Da der Platz aber ohnehin umgebaut werden soll, kann es noch einige Jahre dauern, bis dies Wirklichkeit sein wird.

Anfang 2022 entstand bereits dieser Beitrag zu Oskar Schindler in Frankfurt am Main. Damals gab es den Beschluss zur Umbenennung des Bahnhofsvorplatzes noch nicht:

"Steven Spielberg saß dann auch am Küchentisch"

Bahnhofsviertel Frankfurt am Main: Die letzte Heimat des Oskar Schindler

Stichworte zur Anmod:

Der Film "Schindlers Liste" von Steven Spielberg hat seine Geschichte weltberühmt gemacht. Die Geschichte des Oskar Schindler, der mit viel Chuzpe und auch Trinkfestigkeit Nazi-Schergen dazu brachte, mehr als 1200 Jüdinnen und Juden freizulassen, die teilweise schon auf dem Weg nach Auschwitz waren. Wenig bekannt ist: Oskar Schindler hat in den Jahrzehnten nach der Befreiung vom Nationalsozialismus mehr als ein Jahrzehnt in Frankfurt am Main gelebt. Ludger Fittkau hat eine Frau getroffen, die seine Freundin war. Und die sich jetzt dafür einsetzt, dass der Bahnhofsvorplatz, an dem er lebte, nach dem "Gerechten der Völker" benannt wird...

Beitrag beginnt mit Straßenatmo:

Hauptbahnhof Frankfurt am Main, der Vorplatz. Straßenbahnen fahren im Minutentakt vor, Taxis warten in langen Schlangen neben dem Haupteingang des Bahnhofsgebäudes. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes, am Haus mit der Adresse „Am Hauptbahnhof 4“ hängt seit einem Vierteljahrhundert neben dem Eingang eine Bronzetafel. Über einem Relief mit einem markanten, fast kahlen Männerkopf ein bekannter Name: Oskar Schindler.

Ein paar Kilometer weiter nordöstlich, eine barrierefreie Seniorenwohnung. Dort lebt die 88 Jahre alte Ursula Trautwein, eine evangelische Theologin und ehemalige SPD-Stadtverordnete in Frankfurt am Main. Sie war mit Oskar Schindler, der mehr als 1200 Juden vor dem Tod in Auschwitz und anderen Lagern rettete, befreundet. Ursula Trautwein berichtet in ihrer kleinen Küche, wie ihr verstorbener Mann – ein evangelischer Pfarrer - und sie in den 1960er Jahren bei einem Besuch in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem erfuhren, dass Oskar Schindler im Frankfurter Bahnhofsviertel lebt. :

„In Yad Vashem ist ja diese Allee der Gerechten.“

Eine Allee mit Bäumen, die zu Ehren derjenigen gepflanzt wurden, die Jüdinnen und Juden vor dem Naziterror retteten.

„Ja und da standen wir vor einem Stein und einem Bäumchen, das noch da war. Da stand der Oskar Schindler drauf. (…) Und da hat mein Mann gefragt: Oskar Schindler? Ud da hat ihm irgendjemand gesagt: Oskar Schindler, der wohnt in Frankfurt, und dann hat man sich auf die Suche gemacht. Und dann hat er eigentlich fast per Zufall erfahren: Ja, da wohnt er im Bahnhofsviertel da vorne. Und Oskar Schindler war einfach nachher auch verarmt, sehr arm dran gewesen. Mein Mann ist dann dahingegangen.“

Das war der Beginn einer langjährigen Freundschaft des Ehepaars Trautwein mit Oskar Schindler, der am 9. Oktober 1974 starb. Ursula Trautwein erinnert sich: Im Frankfurter Bahnhofsviertel liebte Schindler auch das Nachtleben. Wenn er mal Geld hatte, lud er gerne alle Gäste des Lokals ein, in dem er gerade zechte. Oskar Schindler habe auch viele Juden dadurch gerettet, dass er ihre Nazibewacher unten den Tisch trank und sie dann im Suff Dokumente unterschreiben ließ, die für die Totgeweihten die Freiheit bedeuteten:

„Wenn er nicht so gewesen wäre, hätte er das gar nicht machen können. Er war ein Mensch, das ist für mich das Wichtigste. Dass hat einer von seinen Geretteten mit dem sudetendeutschen Anklang gesagt: Er war ein Mensch, ein Mensch in vollem Sinn des Wortes. Ein Frauenfreund also wirklich. Und natürlich hat er ja auch mit seiner Schläue und seinen ganzen – im Grunde Betrügereien - viele Menschen gerettet.(…) Auch mit seiner Schläue und Raffinesse. Er war stolz darauf, dass er den Kommandanten und so weiter unter den Tisch gesoffen hat. Er hat mal unserem damals 15-jährigen Sohn, mit dem er auch mal ausgegangen ist, einen Rat gegeben: Du musst immer ein Stück trockenes Brot dabeihaben und Dir dass unter die Zunge legen.“

Dann werde man nicht so schnell betrunken, so der Rat des Oskar Schindler an den Pfarrerssohn:

„Und wenn der nicht gewusst hätte, aus welchem Elternhaus er kommt, wäre auch mit ihm ins Freudenhaus gegangen. Also es war für unsere Familie natürlich auch eine riesige Bereicherung an Erfahrung mit so einem Menschen.“

Von den Menschen, die Schindler gerettet hatte und die in den 60er Jahren zumeist in Israel lebten, bekam das Ehepaar Trautwein den Auftrag: Ihr müsst Euch um den „Gerechten der Völker“ kümmern, wenn er in Frankfurt ist. Das war er zumeist, denn in Israel machte er jedes Jahr lediglich vier Wochen Urlaub - zu mehr reichte das Geld nicht, erinnert sich Ursula Trautwein:

„Die haben sich Sorgen gemacht. Die haben uns gesagt: Wir laden ihn jedes Jahr vier Wochen ein, und da ist das Geld auch alles weg, was wir selbst haben, weil er dann immer große Runden schmeißt. Aber ihr seid dann für ihn verantwortlich. Und das haben wir auch sehr ernst genommen und haben dann hier auch bis zum Tod begleitet.“

Das Ehepaar Trautwein sorgte auch dafür, dass die mutigen Taten Oskar Schindlers hierzulande nicht vergessen wurden. Und irgendwann in den 90ern saß dann auch der Hollywood-Regisseur Steven Spielberg am Küchentisch der Pfarrersfamilie – bevor er den Spielfilm „Schindlers Liste“ drehte, für den er sieben Oskars bekam:

„Es hat den Steven Spielberg selber sehr bewegt -  das hat er auch meinem Mann gesagt.  Weil er selber als Amerikaner jüdischer Herkunft, diese Situation hier so gar nicht gewusst hat.“

Spielberg meinte wohl die Verarmung Schindlers in den späten Jahren und dessen Leben im Frankfurter Bahnhofsviertel.

Jetzt will Ursula Trautwein noch erreichen, dass der Bahnhofsvorplatz in Frankfurt am Main in Oskar-Schindler-Platz umbenannt wird. Gerade bei Vorträgen in Schulen habe sie gemerkt, dass die Jugendlichen diesen Retter so vieler Jüdinnen und Juden auch deswegen interessant finden, weil er kein moralischer Übermensch war – sondern ein Mann mit moralischen Schwächen und Widersprüchen, der dennoch alles ihm Mögliche getan hat, um Menschenleben zu retten. Gerade im Bahnhofsviertel von Frankfurt am Main müsse an ihn noch sichtbarer erinnert werden als nur durch die Tafel an seinem Wohnhaus, fordert Ursula Trautwein und klopft energisch mit ihrem Fingerknöchel auf den Küchentisch. Doch bisher konnte sich die Frankfurter Stadtpolitik dazu nicht durchringen. Jetzt beginnt gerade eine neue Legislaturperiode in der Kommunalpolitik – mit einem neu zusammengesetzten Ortsbeirat, der sich der Sache wieder annehmen könnte:

„Sehr auf die lange Bank geschoben! Sie wollten es jetzt nicht mehr machen, sondern in der nächsten Legislaturperiode. Es war die letzte Sitzung, da hat  der Vorsitzende mehrfach darauf aufmerksam gemacht: Es muss dann wieder ganz neu beantragt werden in der neuen Legislaturperiode. Und die ganze Geschichte - also ich warte darauf. Ich sagte, ich komme wieder (lacht).“

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„Ein besonders mörderisches Lager“

Frankfurt am Main richtet einen „Geschichtsort“ zum ehemaligen „KZ Katzbach“ im Rüstungsbetrieb Adlerwerke ein  (Audio ist weiter unten auf der Seite zu finden!)

Stichworte zur Anmod:

Zwangsarbeit gab es hier schon lange. Doch erst sehr spät – im August 1944 - wurde in den Adlerwerken in Frankfurt am Main ein Konzentrationslager eingerichtet. Das Ziel: Die Rüstungsproduktion dort sollte aufrechterhalten werden. Das Langer erhielt von den Nationalsozialisten Decknamen „Katzbach“. Etwa 1.600 Männer wurden für dieses Lager aus Buchenwald und Dachau in die Mainmetropole geschickt. Neue Forschungen bestätigen: dieses „KZ Katzbach“ war ein besonders mörderisches Lager. Nachdem Bürgerinitiativen es bereits seit Jahrzehnten gefordert hatten, richtet die Stadt Frankfurt am Main erst jetzt im alten Industriegebäude einen Gedenkort ein. Ludger Fittkau berichtet.

Beitragstext

Ein langgezogener Backsteinbau rund  zwei Kilometer westlich des Hauptbahnhofs Frankfurt am Main. Die „Adlerwerke“ – während des Nationalsozialismus der größte Rüstungsbetrieb in Frankfurt am Main. Noch erinnert an der Außenfassade nichts an das Konzentrationslager, das es im Gebäudekomplex während des Nationalsozialismus gab. Das soll sich bald ändern, sagt Thomas Altmeyer. Er leitet den künftigen „Geschichtsort“ Adlerwerke und . Er schließt die Tür zu dem Gebäudebereich auf, in dem diese Gedenkstätte in wenigen Wochen eröffnet werden soll.

„Ja, hier im Flur wird es erst einmal eine Erstorientierung geben. Eine Chronologie der Eröffnung der Adlerwerke. Von der Eröffnung der Fabrik bis zur Schließung. Und auch eine Erstorientierung, wann dann hier das KZ und die Zwangsarbeit hier gewesen ist.“

Thomas Altmeyer geht voran in das alte Industriegebäude im Frankfurter Viertel Gallus. Noch ist der Flur kahl, der vor dem künftigen zentralen Ausstellungsraum des sogenannten „Geschichtsorts Adlerwerke“ liegt. Das einst größte Fahrradunternehmen des deutschen Kaiserreiches war schon im Ersten Weltkrieg zu Frankfurts größtem Rüstungsbetrieb geworden. Während des Nationalsozialismus wurden hier vor allem Fahrgestelle von Schützenpanzern gefertigt. Ab 1942 waren vor allem russische Kriegsgefangene nach Frankfurt zur Zwangsarbeit geschickt worden. Im KZ, dass dann im Sommer 1944 eingerichtet wurde, mussten dann Häftlinge aus acht Nationen arbeiten- die meisten Lagerinsassen kamen aus Polen.

Thomas Altmeyer ist wissenschaftlicher Leiter des Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945 – einem Verein mit Sitz in Frankfurt am Main. Er kuratiert den Geschichtsort, der im in gut zwei Monaten eröffnet werden soll und betritt den noch leeren Ausstellungsraum:

„Wenn man reinkommt, ist quasi wo ich stehe, die Empfangstheke und der Weg für die Besucher*in richtet sich geradeaus zum Thema Zwangsarbeit“.

An der gegenüberliegenden Wand hängt bereits eine provisorische Collage aus Plakaten, mit denen die Nationalsozialisten in polnischer und französischer Sprache ab 1941 Industriearbeiter in den Nachbarländern anwarben, die zunächst freiwillig in NS-Rüstungsbetrieben arbeiten sollten. Thomas Altmeyer:

„Es gibt die reguläre Anwerbung, dass man eben Werbung gemacht hat, dass Leute nach Deutschland kommen und für das Deutsche Reich arbeiten. Es gibt aber genauso die Deportationen auf der anderen Seite des Spektrums. Und das soll eben hier sichtbar werden, dass es eben beide Momente gibt. Und selbst diejenigen, die freiwillig nach Deutschland gekommen sind, konnten dann irgendwann zu Zwangsarbeitern werden, weil sie nicht mehr gehen durften.“

Über 12 Millionen Menschen leisteten während des Krieges in Nazi-Deutschland Zwangsarbeit, die Adlerwerke in Frankfurt am Main gehören zu den Industriebetrieben der Stadt, in der die meisten von ihnen eingesetzt wurden - und ab 1944 auch KZ-Häftlinge, die im Werk selbst untergebracht waren. Die Historikerin Andrea Rudorff hat im Auftrag der Stadt Frankfurt am Main das „KZ Katzbach“ untersucht. Im Mai 2021 veröffentlichte der Wallstein-Verlag ihr Buch, in dem sie detailliert das Vorgehen der Nazis in den Adlerwerken beschreibt.  Dieses Lager im Rüstungsbetrieb war auch im reichsweiten Vergleich besonders grausam, so Rudorff:

„Weil dort über ein Drittel der Häftlinge gestorben sind, vor Ort. Das haben wir eigentlich nur in wenigen Fällen bei diesem Lagertypus, da dort keine systematische Vernichtung stattfand. Also es gab dort keine Massenerschießungen oder ähnliches. Sondern die Häftlinge sind vor eben an den Lebensverhältnissen, vor allem an der mangelnden Versorgung, gestorben. Das haben wir sonst in einem Lager, wo sie überdacht waren, wo sie angebunden waren an eine Fabrikinfrastruktur und auch sichtbar für zahlreiche Angehörige der Belegschaft, sonst in der Größenordnung eigentlich nicht. Insofern ist das schon ein besonders mörderisches Lager gewesen.“

Alleine auf dem Hauptfriedhof Frankfurt am Main sind 528 Häftlinge begraben. Im März 1945 stellte das Werk die Produktion ein, die letzten verbliebenen Häftlinge wurden auf einen Todesmarsch nach Buchenwald geschickt. Nur wenige kamen dort an. Die Geschichte des KZ Katzbach sowie vor allem der Zwangsarbeit im gesamten Stadtgebiet von Frankfurt am Main ist längst noch nicht so gut aufgearbeitet, wie man es in der geschichtsbewussten Mainmetropole mit vielen historisch arbeitenden Einrichtungen vermuten sollte. Das betont Ina Hartwig, die sozialdemokratische Kulturdezernentin der Stadt, die den Geschichtsort „Adlerwerke“ nun fördert:

„Denn die Erinnerungslandschaft in Frankfurt ist noch gar nicht vollständig erfasst. Man denkt immer, es ist ja schon so viele Jahre her, das Kriegsende. Man müsste doch inzwischen alles wissen. Von wegen! Wir wissen noch überhaupt gar nicht alles, beispielsweise ist die Erforschung der sogenannten Arisierungen in Frankfurt erst jetzt auf den Weg gebracht worden.“

(Thomas Altmeyer)

„Der Ort selber ist primär zum Vermitteln da, wobei wir natürlich hoffen, dass Forschung angeregt werden kann“.

Sagt der künftige Geschichtsort-Leiter Thomas Altmeyer und deutet auf einen Turm der ehemaligen Adlerwerke, den man vom Ausstellungsraum aussieht. Dort waren die KZ-Häftlinge untergebracht. Ihre Geschichte und die der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Frankfurt am Main soll von hier aus weiter ergründet werden:

„Meine Hoffnung ist, dass man vielleicht so einen Impuls in die Stadt hineingeben kann und auch Impulse zurückbekommen kann. Also idealerweise zum Thema Zwangsarbeit, dass ist das Thema, wo man am meisten tun kann, am meisten forschen kann, glaube ich. Das jemand an den Tisch geht und eine Firmentafel sieht und sagt: Hier in meiner Nachbarschaft war etwas. Ich begebe mich auf die Spuren und eventuell fließen dann Forschungsergebnisse von Personen, Geschichtswerkstätten oder Schülergruppen wieder zurück und füllen die Ausstellung und ergänzen sie.“

Doch auch ohne solche zusätzlichen Forschungen kann der künftige Gedenkort KZ Katzbach in den Frankfurter Adlerwerken auf eine Besonderheit zurückgreifen, betont Historikerin Andrea Rudorff. Es existieren zum KZ und zur Zwangsarbeit in der Frankfurter Fabrik ganz frühe Zeugenaussagen aus den ersten Monaten nach dem Kriegsende. Das ist längst nicht bei allen Industrie-Lagern im NS-System der Fall, so Rudorff:

„Normalerweise fanden die Zeitgenossen diese Außenlager so normal in ihrer Kriegsrealität, dass diese Lager gar nicht besonders erinnert worden sind. Und in den meisten Orten gab es keine so frühen polizeilichen Ermittlungen zu diesen Verbrechen. So dass es nicht viele Orte gibt, wo wir wirklich zu den Jahren 1945 und 46 Aussagen von Anwohnern und Belegschaftsmitarbeitern haben, die ihre Perspektive auf das Lager wiedergeben und eben auch sehr unterschiedliche Perspektiven dabei deutlich werden. Und dieses Material, dieser Bestand ist etwas, mit dem man auch in der Pädagogik sehr gut arbeiten kann.“

Ab Frühjahr sollen regelmäßig vor allem Schulklassen den Gedenkort Adlerwerke besuchen können. Der Grundstock für die Finanzierung wird von der Stadt Frankfurt am Main gestellt. Ansonsten hofft der Trägerverein auch auf Spenden aus der Stadtgesellschaft.

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Nationalpark Kellerwald-Edersee

Wie der Klimawandel den Welterbe-Buchen zu schaffen macht

Von Ludger Fittkau

Markus Daume ist seit 18 Jahren „Ranger“ im nordhessischen Nationalpark Kellerwald. Er bringt Wandergruppen zu den Brunftplätzen der Hirsche oder nimmt sie mit zur Pilzbestimmung. Kinder animiert er gerne dazu, im Wald eine Geräuschekarte zu malen. Damit sollen sie lernen, die einzelnen Tierrufe und andere Töne im hessischen Urwald genau zu unterscheiden. Auf einer Fläche von rund 11.000 Fußballfeldern wird hier die Natur sich selbst überlassen, der Mensch greift nicht mehr ein, die Wege sind längst wieder zugewachsen. Das Kerngebiet des Nationalparks dürfe nur noch für Forschungszwecke betreten werden, betont Daume.

Der Landschaftsökologe Manuel Schweiger ist seit Anfang September der neue Leiter des Nationalparks Kellerwald. „Was wirklich besonders beeindruckend ist hier im Nationalpark, sind diese alten Wälder. Weil, das ist wirklich etwas, was es so in Deutschland oder Europa noch ganz selten gibt“, schildert Schweiger die ersten Eindrücke, die er im Urwald mit 300 Jahre alten Buchen und mit bis zu 1000-jährigen Eichen nur ein paar Kilometer südlich der Edertalsperre gewonnen hat. Auch die echten Urwälder an den Hängen seien „wirklich einmalig“. Aber das gehe auch mit einer sehr, sehr großen Verantwortung einher, „diese ganz besonderen Wälder zu erhalten“.


Während die Eichen mit dem Klimawandel bisher vergleichsweise gut zurechtkommen, geht es für die Jahrhunderte alten Buchen wohl zu schnell mit dem Temperaturanstieg in der Atmosphäre und mit der Trockenheit in den Böden. Das Unesco-Weltnaturerbe am Edersee ist bedroht, auch wenn es dem Mischwald im Nationalpark aktuell noch vergleichsweise besser geht als vor allem den Fichtenplantagen in den benachbarten Mittelgebirgswäldern des Sauerlandes oder des Weserberglandes. Mit dem Klimawandel sterben vor allem außerhalb des Schutzgebietes bereits viele Tier- und Pflanzenarten, so Nationalparkchef Manuel Schweiger. Im Schutzgebiet sei das Artenspektrum noch relativ intakt. „Aber die Ausbreitung, wenn sich das Klima ändert, in andere Lebensräume, ist halt dadurch deutlich erschwert, dass es weniger passende Lebensräume außerhalb eines solchen Schutzgebietes gibt.“ Das globale Artensterben sei noch viel dramatischer als der Klimawandel an sich. Sie hätten die verantwortungsvolle Aufgabe, „wenigstens diesen Artenschatz, den wir hier im Schutzgebiet haben, wirklich auch zu bewahren“.

Ortswechsel. Ein Dorf am Rande des Urwalds. Sie nennt sich die „Nationalparkgemeinde“ – die Gemeinde Edertal in Nordhessen, 6.200 Einwohner, 13 Ortsteile. Das Gemeindehaus, in dem der parteilose Bürgermeister Klaus Gier sein Büro hat, steht in Giflitz. Das Dorf liegt nur rund zehn Kilometer unterhalb der Sperrmauer der Edertalsperre. Andere Ortsteile von Edertal liegen direkt am Ufer des Edersees, des flächenmäßig zweitgrößten deutschen Stausees.

Klaus Gier lebt schon seit seiner Kindheit in der Region. Er kann sich gut daran erinnern, dass die Idee, den ausgedehnten „Kellerwald“ südlich des Ederstausees zum ersten hessischen Nationalpark zu erklären, vor rund drei Jahrzehnten noch sehr umstritten war. Es gab eine breite Ablehnung der Öffentlichkeit, besonders in der Gemeinde Edertal, die große Flächen des Nationalparks ausmachen.“ Letztendlich habe sich dann damals die hessische Landesregierung entschlossen, den Nationalpark auszuweisen. „Es hat sich viel getan. Es gab immer auch wieder mal Versammlungen. Es gab natürlich Ängste, gerade was Wegenutzung angeht, die Nutzung des Waldes. Vor allem private Waldbesitzer und die Jagdgenossenschaften äußerten Vorbehalte – manchmal gibt es auch bis heute Meinungsverschiedenheiten, etwa wenn es um die Jagd am Rande des Urwaldes geht. 

Auch Diplom-Biologe Achim Frede erinnert sich: „Ja, das war eine ziemlich heiße Zeit. Nationalpark gab es ja im Hessen noch keinen. Und grundsätzlich fühlen sich Menschen dann, wenn Wildnis kommen soll, eingeschränkt in ihrer Nutzungsfähigkeit und Landwirtschaft, Forstwirtschaft, sonstiges.“ Frede gehörte zu den sieben jungen Naturschützenden, die sich erstmals im Wendejahr 1989 trafen, um zu überlegen, wie man die alten Buchenwälder am Edersee schützen und erhalten könne. Die Buchen befanden sich damals im sogenannten „Gatter“, einst ein Jagdrevier der Grafen und Fürsten zu Waldeck. Seit 1946 befindet sich das Areal im Staatsbesitz. Achim Frede erinnert sich an den politischen Gegenwind, den es damals in der Region gab, als sie ihre Urwald-Pläne veröffentlichten:


„Und in der Region hier war das auch etwas ganz Neues. Der Streit ging heftig durch die Familien, durch die Region, durch die Parteien. Also: Es war eine ziemlich revolutionäre Idee, die wir ja erstreiten mussten.“ Doch anders als in den Anfängen vor drei Jahrzehnten sei der Nationalpark Kellerwald-Edersee heute in der Region breit akzeptiert, versichert Klaus Gier, der Bürgermeister von Edertal. Auch wenn die Sorgen nicht ganz verschwunden sind, der Park könnte neben den Edersee-Touristen vor allem viele Wanderer in die Region locken – und damit die ohnehin vorhandenen Verkehrsprobleme der Gemeinden an der Eder noch vergrößern: „Dass es viele Touristen gibt, die kommen, das ist nicht abwegig. Aber letztendlich sind wir immer schon gut bestückt, was Urlauber am Edersee angeht. Also das kann, glaube ich, nicht unbedingt angeführt werden“, so Gier.

Was sich sowohl die Nationalpark-Leute als auch der Bürgermeister der Gemeinde Edertal wünschen: der nordhessische Urwald sollte noch besser mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein als bisher. Immerhin: Auf der Südwest-Seite des Kellerwaldes ist vor einigen Jahren die lange still gelegte Bahnstrecke von Korbach nicht weit von der Grenze zu Nordrhein-Westfalen Richtung Frankenberg und Marburg in Mittelhessen wieder in Betrieb genommen worden. Damit ist der Nationalpark zumindest auf einer Seite wieder mit der Bahn zu erreichen. Doch gerade in der Nationalparkgemeinde Edertal fehlt die Bahnverbindung, obwohl das Gemeindehaus an der Bahnhofsstraße liegt.

Bürgermeister Klaus Gier erklärt: „Den Bahnhof selber gibt es nicht mehr. Der ist leider auch schon vor einigen Jahren stillgelegt worden. Wir haben ja diese Strecke von der Kreisstadt Korbach in Richtung Fritzlar gehabt. Die ist stillgelegt worden, zum Teil ist daraus jetzt eine Radstrecke geworden. Es ist auch sehr genutzt, sehr beliebt. Wir sind gerade dabei zu prüfen, ob es da Möglichkeiten gibt, Teilstrecken zu reaktivieren. Es gibt auch einen Antrag sogar in Richtung Sperrmauer.“ Klaus Gier meint die Sperrmauer der Edertalsperre. Ein Bahnanschluss könnte gerade an sonnigen Wochenenden den enormen Autoverkehr Richtung Stausee reduzieren helfen, der sich dann auch mitten durch einige Ortsteile von Edertal schiebt: „Ob das realistisch und machbar ist, das wird sich zeigen, aber man wird in jede Richtung denken müssen. Bei Klimaschutz aber auch Beeinträchtigungen der Anwohner – das sind schon Themen, die wir bespielen müssen.“

Der Landschaftsökologe Manuel Schweiger ist seit Anfang September der neue Leiter des Nationalparks Kellerwald. „Was wirklich besonders beeindruckend ist hier im Nationalpark, sind diese alten Wälder. Weil, das ist wirklich etwas, was es so in Deutschland oder Europa noch ganz selten gibt“, schildert Schweiger die ersten Eindrücke, die er im Urwald mit 300 Jahre alten Buchen und mit bis zu 1000-jährigen Eichen nur ein paar Kilometer südlich der Edertalsperre gewonnen hat. Auch die echten Urwälder an den Hängen seien „wirklich einmalig“. Aber das gehe auch mit einer sehr, sehr großen Verantwortung einher, „diese ganz besonderen Wälder zu erhalten“.

Während die Eichen mit dem Klimawandel bisher vergleichsweise gut zurechtkommen, geht es für die Jahrhunderte alten Buchen wohl zu schnell mit dem Temperaturanstieg in der Atmosphäre und mit der Trockenheit in den Böden. Das Unesco-Weltnaturerbe am Edersee ist bedroht, auch wenn es dem Mischwald im Nationalpark aktuell noch vergleichsweise besser geht als vor allem den Fichtenplantagen in den benachbarten Mittelgebirgswäldern des Sauerlandes oder des Weserberglandes. Mit dem Klimawandel sterben vor allem außerhalb des Schutzgebietes bereits viele Tier- und Pflanzenarten, so Nationalparkchef Manuel Schweiger. Im Schutzgebiet sei das Artenspektrum noch relativ intakt.

„Aber die Ausbreitung, wenn sich das Klima ändert, in andere Lebensräume, ist halt dadurch deutlich erschwert, dass es weniger passende Lebensräume außerhalb eines solchen Schutzgebietes gibt.“ Das globale Artensterben sei noch viel dramatischer als der Klimawandel an sich. Sie hätten die verantwortungsvolle Aufgabe, „wenigstens diesen Artenschatz, den wir hier im Schutzgebiet haben, wirklich auch zu bewahren“.

Die Nationalpark-Leute wollen und können die Förster der Region nicht belehren, was sie mit den Flächen machen sollen, auf denen die Fichten vertrocknen: „Das ist nicht so einfach. Seit 2018 im Sommer diskutiert die Forstwirtschaft: Was können wir jetzt für Bäume pflanzen? Da kommt dann so etwas wie türkische Hasel. Da kommen Douglasien ins Gespräch.“ Es sei natürlich anders als in der Landwirtschaft. „Dort kann man auf ein Jahr reagieren oder auf ein Dreivierteljahr mit Säen und Ernten.“ In der Forstwirtschaft müsse man auf 80 oder 120 Jahre bis zur Ernte denken. „Aber trotzdem sage ich jedem Förster, der zu uns kommt: Von unserem Wald können wir lernen. Es sterben Fichten, es werden auch die ersten Buchen krank und sterben ab.“

Einen hoffnungsvollen Hinweis an die Förster haben der Ranger Markus Daume und der neue Nationalparkleiter Manuel Schweiger am Ende des Rundgangs im Nationalpark dann doch noch: Die Eiche scheint tatsächlich auch im Urwald einer der Bäume zu sein, der am besten mit dem Klimawandel klarkommt:

„Überall stehen immer wieder Eichen mit drinnen, und Eichen werden ja sehr alt. Wir haben hier Eichen, die können bis zu 1.000 Jahre alt werden. Und die werden auch so den einen oder anderen Klimawandel miterleben, sage ich mal. Und die alten Eichen, die hier schon stehen, haben schon das eine oder andere miterlebt in ihrer Lebensgeschichte.“ Sein Begleiter ergänzt, das seien die ältesten Eichenwälder in Deutschland, 1.000 Jahre alt, vielleicht auch mehr. „Die haben schon Kalt- und Warmzeiten überlebt.“ Vor den beiden stünden die Bäume an einem fast senkrechten Südhang. „Ich schätze mal im Jahresdurchschnitt Temperaturunterschiede 60, 70 Grad, nur geschätzt jetzt von mir.“

Die Empfehlung: Sich die heimischen Bäume anschauen, was die leisten könnten. Das sei in einem Nationalpark mitunter möglich. Aber die Förster seien die eigentlichen Experten für ihre Wälder.

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Mathildenhöhe Darmstadt ist Welterbe! Herzlichen Glückwunsch!! Und jetzt auch die SchUM-Städte!! Kommentar dazu weiter unten...






Es ist eine großartige Nachricht: Das "Jerusalem am Rhein" ist Weltkulturerbe! Kreuzzüge schon ab Ende des 11. Jahrhunderts, mittelalterliche Pogrome und selbst der Nationalsozialismus: Diese antisemitischen Exzesse verschiedener Epochen haben es nicht geschafft, die Spuren der vermutlich bis in die Antike zurückreichende jüdischen Hochkultur am Oberrhein zu vernichten. Jetzt sind sie auch über die Region hinaus ins kollektive Gedächtnis der Welt zurückgeholt worden. Es ist überhaupt das erste Mal, dass jüdisches Kulturgut in Deutschland von der UNESCO ausgezeichnet wurde. Das ist wunderbar!

„SchUM“. Die fünf Buchstaben stehen für die mittelalterlichen hebräischen Städtenamen Schpira, (U-) Warmasia und Magenza – Speyer, Worms und Mainz. Der Verbund der jüdischen Gemeinden dort wurde im Jahr 1220 gegründet. Synagogen, jüdische Lehrhäuser, Mikwen und auch dem ältesten und noch erhaltenen jüdischen Friedhof Europas in Worms strahlten kulturell so stark aus, dass die SchUM-Städte bereits im Mittelalter im aschkenasischen, also dem mittel-, nord- und osteuropäische Judentum den Beinamen erhielten: Jerusalem am Rhein! Architektonische Relikte dieser einstigen Blütezeit sind noch in allen drei Orten zu entdecken. Die UNESCO hat den Welterbestatus der SchUM-Städte heute ohne jeden Zweifel anerkannt!

Noch mal ein besonderer Grund zur Freude ist das nach der Naturkatastrophe im Norden und Osten des Bundeslandes für Rheinland-Pfalz. Das Land hatte die Welterbebewerbung tatkräftig unterstützt. Die SchUM-Städte liegen alle in diesem Bundesland, das gute Nachrichten gerade jetzt so bitter nötig hat. Für Rheinland-Pfalz bedeutet das UNESCO- Label eine weitere kulturelle Aufwertung. Schon jetzt ziehen vor allem die mittelalterlichen Dome in Speyer, Worms und Mainz oder auch die römischen Gebäude in Trier zwar viele Kulturtouristen an – doch nun werden auch noch die oft weniger bekannten Monumente der jüdischen Kulturgeschichte dieser Region so stark ins Licht gerückt, wie sie es schon lange verdient haben.

Wer jetzt etwa den Dom in Worms besucht oder im Sommer auf dem Außengelände gleich daneben die Nibelungenfestspiele genießt, wird auch den kurzen Gang zum „Heiligen Sand“ wohl nicht mehr verpassen. Dort kann man eintauchen in eine grüne, leicht hügelige Wiesen-Landschaft, in der unzählige verwitterte und oft schief stehende Steine aus dem Gras ragen. Das mutet an wie eine bretonisch oder irische Menhir-Anlage: Doch es sind keine keltischen Überbleibsel, die dieses Bild erzeugen, sondern 2500 jüdische Grabsteine, teilweise mehr als tausend Jahre alt sind. Der „Heilige Sand“, so heißt der Friedhof seit Jahrhunderten ist ein Ort mit einer ganz besonderen, kontemplativen Aura. Wer nach Worms kommt, sollte sich Zeit für ihn nehmen! Das galt schon vor dem heute vergebenen UNESCO-Label. Aber nun gibt es keinen Grund mehr, dieses und andere großartige Zeugnisse des mittelalterlichen „Jerusalem am Rhein“ noch zu übersehen. Herzlichen Glückwunsch –vor allem an Rheinland-Pfalz. Das UNESCO-Label für die SchUM-Städte ist jedoch auch für ganz Deutschland nach Auschwitz eine Auszeichnung, die mit großer Demut und Dankbarkeit angenommen werden sollte. Schließlich: Der heute vergebene Welterbestatus ist auch ein klares Zeichen gegen jede Form von Antisemitismus!