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"Hesse ist, wer Hesse sein will" Georg August Zinn

Sterbende Wälder - mit dem pensionierten Forstdirektor Henner Gonnermann (BUND) im hessischen Ried:


Großflächig tote Wälder in Südhessen

-Frankfurt gräbt 250 Jahre alten Forsten südlich des Mains das Grundwasser ab / BUND wirft Wiesbadener Umweltministerium Untätigkeit vor -

Stichworte zur Anmod:

Seit rund 50 Jahren gibt es Wasserwerke im Oberrheingraben zwischen Frankfurt am Main und Mannheim. Das Grundwasser, das hier gewonnen wird, wird als Trinkwasser im Ballungsraum Rhein-Main-Neckar genutzt. Vor allem Frankurt am Main bezieht viel Trinkwasser aus dem „Hessischen Ried“, wie die Region genannt wird, in der die Wasserwerke stehen. Doch inzwischen ist hier Wald in der Größenordnung von rund 15.000 Fulballfeldern abgestorben, weil der Grundwasserspiegel zu stark abgesenkt wurde. Der Umweltverband BUND greift das grün-geführte hessische Umweltministerium in Wiesbaden scharf an und wirft ihm Untätigkeit vor. Ludger Fittkau berichtet.

Beitragstext:

(Waldatmo)       

Jägersburger Wald, ein paar Kilometer südwestlich von Darmstadt. Ein großes Waldstück mit etwa 25 Jahre alten Eichen ist abgestorben. Die Bäume werden in diesem Sommer kein Laub mehr tragen. Ein Frau, die hier mit ihrem Hund spazieren geht, will ungenannt bleiben:

„Das sieht so aus wie nach einem Atom -Ausbruch. Das habe ich schon immer so gesagt. Wenn ich die kahlen Äste sehe. (…) Das ist ein ganz komisches Gefühl.“

Henner Gonnermann nickt. Der pensionierte Forstdirektor war mehrere Jahrzehnte lang für ausgedehnte Wälder in der Region zuständig. Heute engagiert er sich im Naturschutzverband B.U.N.D. dafür, dass die hessische Landesregierung ihre Trinkwasserpolitik ändert und die rund 10.000 Hektar Riedwald rettet. Dafür müsste die Metropole Frankfurt am Main gezwungen werden, weniger Trinkwasser aus dem Oberrheingraben abzupumpen. Dann könnte der Grundwasserspiegel wieder so angehoben werden, dass die Wälder eine Chance bekommen, so Henner Gonnermann:

„Hier ist der Klimaschutz am Ende, weil: Tote Bäume binden kein CO2 mehr aus der Luft. Sondern das Holz, das jetzt hier verfault, macht sogar das Gegenteil. Es wird zersetzt. Und im Zuge dieser Zersetzung wird das CO2, was hier über Jahrhunderte die Bäume angesammelt haben, jetzt wieder in die Atmosphäre zurück emittiert oder transportiert – katapultiert! Und diese Wälder haben jetzt alle eine negative Klimabilanz. Negative CO2-Bilanz – so muss man das sehen.“

Priska Hinz, der grünen hessischen Umweltministerin, gefällt diese Entwicklung nicht, das betont sie immer wieder. Doch die aktuelle Lage der Wälder im hessischen Ried sei „das Ergebnis von jahrzehntelanger Grundwasserentnahme, deren Folgen nicht über Nacht beseitigt werden können“, so Hinz. Die vergangenen Dürrejahre hätten den Zustand der Wälder überdies verschärft so Hinz.

„Und gleichzeitig ist eben das hessische Ried Trinkwasser-Ressource für Millionen von Menschen in dieser Region, die ja sehr dicht bevölkert ist. 50- 60 Prozent des Trinkwassers des Ballungsraumes werden hier gewonnen. Das muss man sich immer wieder klar machen.“

Der ehemalige Forstdirektor Henner Gonnermann benennt jedoch beharrlich den Preis für diese Wasserpolitik. Längs des Rheins zwischen Mainz und Mannheim sei inzwischen eine Waldfläche von rund 15.000 Fußballfeldern tot, weil zu viel Grundwasser entnommen werde:

„Es sind also wahnsinnig große Flächen, die man sich vorstellen kann oder sich der Laie er nicht vorstellt. Aber es sind gewaltige Flächengrößen. Ich glaube, das entspricht ungefähr der Fläche des Buchen-Nationalparks Kellerwald oben.“

Oben – damit meint Henner Gonnermann die Edersee-Region in Nordhessen:

„Ungefähr dieselbe Größenordnung wie der Kellerwald, die hier mehr oder weniger dem Erdboden gleichgemacht werden, um es mal so auszudrücken. Und da werden Konstrukte im Ministerium konstruiert, die ich mal bezeichnen würde - man muss es so sagen - als eine Lebenslüge der Umweltverwaltung, die meiner Ansicht nach nicht früh genug umgeschaltet hat.“

Umgeschaltet darauf, die Metropole Frankfurt am Main dazu zu zwingen, weniger Wasser aus dem hessischen Ried in die Stadt zu pumpen. Stattdessen hätte die Stadt längst wieder eigene Brunnen in Betrieb nehmen müssen, auch wenn sie keine Trinkwasserqualität haben – das sogenannte „Grauwasser“, geeignet für die Toilettenspülungen in den Häusern oder Bewässerung der Gärten. Das fordern Henner Gonnermann und sein Umweltverband BUND seit Jahren:

„In dem Trinkwasserbereich fehlt einfach ein staatlicher Rahmen. Die müssen nicht alles regeln, aber die müssen neue Marken setzen. Ich behaupte: In der Atomenergie- Debatte, die ja vor 50,60 Jahren geführt worden ist, da hat es ein vollkommen anderes Bewusstsein gegeben. Zum Beispiel diese Megawatt-Debatte, dass man sagt: wir müssen nicht neue Anlagen bauen, sondern wir müssen Anlagen einsparen. Also dieses Denken, das ist in der Wasserwirtschaft überhaupt nicht vorhanden. Die Wasserwirtschaft hat im Moment noch ein Denken wie die Energiewirtschaft vor 60 Jahren. Die werden es nicht zugeben. Aber es ist so.“ 


Hanau- ein Jahr nach dem Attentat vom 19.2.2020 - eine lange Reportage dazu vom 14.2.2021 im DLF:

 


Reportage aus dem Odenwald über einen mobilen Hospizdienst, der in der Pandemie kreative Ideen entwickelt hat, um die Arbeit fortführen zu können:

Beitrag im DLF "Kultur heute" vom 10.2.2021:

Polizei Frankfurt ehrt Widerstand

„Von Vergessen zu reden, ist völlig unerträglich“

Immer wieder waren in den vergangenen Monaten in Deutschland Polizisten an rechtsextremen Chatgruppen beteiligt. Drohmails wurden mit Polizeiwachen, Adressabfragen mit Polizeicomputern in Verbindung gebracht. In Frankfurt am Main setzt die Behörde dagegen nun ein deutliches internes Zeichen.

Von Ludger Fittkau

Polizei Frankfurt ehrt Widerstand

„Von Vergessen zu reden, ist völlig unerträglich“

Immer wieder waren in den vergangenen Monaten in Deutschland Polizisten an rechtsextremen Chatgruppen beteiligt. Drohmails wurden mit Polizeiwachen, Adressabfragen mit Polizeicomputern in Verbindung gebracht. In Frankfurt am Main setzt die Behörde dagegen nun ein deutliches internes Zeichen.

Von Ludger Fittkau

Frankfurt, Bahnhofsviertel, das Hinterzimmer eines Restaurants. Hier treffen sich regelmäßig Polizisten, die der SPD nahestehen. Heute wäre das nicht weiter erwähnenswert. Doch diese Treffen finden zur Zeit des Nationalsozialismus statt. Es sind konspirative Versammlungen, in denen der Sturz Adolf Hitlers vorbereitet wird. Die Gruppe gehört nämlich zum Widerstandsnetz, das Wilhelm Leuschner, der ehemalige sozialdemokratische Innenminister des sogenannten „Volksstaats Hessen“, seit Mitte der 1930er Jahre aufgebaut hat.

Leuschner arbeitet vor dem 20. Juli 1944 eng mit den zum Aufstand gegen die Diktatur bereiten Militärs um Stauffenberg zusammen. Die Frankfurter Polizisten wollen die örtliche Gestapozentrale stürmen und auch „Radio Frankfurt“ besetzen, sobald das Signal aus Berlin kommt. Der Kopf der Gruppe ist Christian Fries, nach der Befreiung Kriminaldirektor in der Mainmetropole. Einer der Nachfolger von Christian Fries ist dort heute Rainer Beer, stellvertretender Kripo-Chef:


„Wenn man das heute noch einmal hört, welch ein kühner Plan, das muss man wirklich sagen!  Hier den Auftrag zu erhalten, so eine Zelle zu gründen, das zu gründen aus aktiven Polizeibeamten und sonstigen Leuten, die er da um sich geschart hat. Ja, und dann also wirklich, wie man sich das so vorstellt, den Hessischen Rundfunk zu stürmen und hier die Gestapo zu entwaffnen. Es ist unglaublich, seine Geschichte. Und ich sag mal, das im Rahmen eines regelrechten Doppellebens zu tun. Er war ja aktiv im Dienst, hielt Distanz zu den Nationalsozialisten, war aber irgendwie doch aktiv im Dienst.“

Handgranate im Kino

Christian Fries, geboren im Saarland, engagiert sich schon nach dem Ersten Weltkrieg in Arbeiter- und Soldatenräten in Saarbrücken und später weiter westlich für ein demokratisches und sozialistisches Deutschland. In den Polizeidienst in Frankfurt am Main tritt er ein, um dort die demokratischen Kräfte zu stärken. Schon vor 1933 geht er gegen Nazis vor. Etwa 1931, als SA-Mitglieder im großen Frankfurter Roxy- Kino während der Aufführung des Anti-Kriegsfilms „Im Westen nichts Neues“ nach dem Roman von Erich Maria Remarque eine Handgranate werfen. 

Fries ermittelt den Täter und geht persönlich zu einem berüchtigten SA-Treffpunkt, um ihn dort zu verhaften. Keine ungefährliche Aktion, so Rainer Beer:

„Absolut –  das ist natürlich eine bemerkenswerte Aktion von ihm. Und auch wenn man noch mal sich vergegenwärtigt, dass Politik damals im Wesentlichen auch Straßenkampf war, ja, der auch genauso geführt wurde, das sind schon unglaubliche Verhältnisse gewesen. Und der Einsatz oder der Ermittlungserfolg von Fries bei diesem Vorfall – bei diesem gewalttätigen Anschlag auf das Roxy-Kino – ist sicherlich ganz bemerkenswert gewesen. Und die Nazis haben das auch nicht vergessen.“

Christian Fries wurde 1933 zwar nicht entlassen, blieb aber unter Beobachtung und von Beförderungen ausgeschlossen. Ab 1937 ging er daran, die Widerstandsgruppe aufzubauen.

Viele Polizisten an NS-Verbrechen beteiligt

In einem von der Polizei neu herausgegebenen Buch und mit der Namensgebung von zentralen Veranstaltungsräumen wird nun im Polizeipräsidium Frankfurt am Main an Fries und zwei weitere Widerstandskämpfer erinnert. Gleichzeitig wurde eine Wander-Ausstellung eröffnet, die zeigt, dass die meisten Polizisten in der NS-Zeit an den Verbrechen des Systems aktiv beteiligt waren. 

Der leitende Frankfurter Kripobeamte Rainer Beer betont: Die Ehrung der Widerstandskämpfer ist auch ein ganz bewusst gewähltes politisches Symbol angesichts der rechtsextremen Chat-Gruppe in der Polizei Frankfurt am Main sowie der bis heute nicht aufgeklärten Datenabfrage von einem Polizeicomputer der Stadt. Die Daten wurden für Drohmails vor allem gegen Frauen des öffentlichen Lebens verwendet:

„Oder dass es auch Stimmen gibt, die da jetzt immer lauter werden und sagen: Es muss irgendwann mal ein Schlussstrich gezogen werden. Angesichts dieses Ausmaßes an Gräueltaten fällt das wirklich schwer. Und von daher muss man sagen: Wer heute in Chatgruppen vermeintlich lustige Hitler-Bilder verschickt, ja, sollte sich einfach vergegenwärtigen, in welcher Form damals der Staat Leute terrorisiert hat. Und in so einem Zusammenhang dann irgendwie von einem Schlussstrich, von einem Vergessen zu reden, ist völlig unerträglich.“







(Die Geschichte des Christian Fries ist auch erzählt im Buch "Die Konspirateure" - nähere Informationen zum Buchprojekt siehe weiter hinten)

Ein Thema, das Hessen vor allem 2020 bewegte:

Bei Recherchen für einen DLF- "Hintergrund Politik" zum Dannenröder Forst...

https://www.deutschlandfunk.de/proteste-im-dannenroeder-forst-autobahnbau-gegen-klimaschutz.724.de.html?dram:article_id=488690


...entstand folgendes Gespräch mit Daniela Wagner. Sie ist Mitbegründerin der Grünen, ehemalige hessische Landesvorsitzende ihrer Partei und aktuell als Bundestagsabgeordnete im Verkehrsausschuss des Parlamentes. Die Darmstädterin war als parlamentarische Beobachterin im "Danni" - hier einige nachdenkliche Äußerungen zu den meist jungen Klima-Aktivist*innen, den Widersprüchen bei den Grünen und zum Bundesverkehrswegeplan: 


Weitere Podcasts aus Hessen

Ob das Opel-Altwerk in Rüsselsheim oder das Mulang im Bergpark Wilhelmshöhe in Kassel - in Hessen ist eine Menge zu entdecken! Gerade auch akustisch - reinhören. Hier ein paar Links und aktuelle Audios, die Ludger Fittkau von hessencast.de als Autor für die Programme des Deutschlandradios erstellte:

Hintergrund

Studieren in der Pandemie – Corona-Probleme und der Semesterbeginn

Lehre ist an Hochschulen in der Pandemie nur noch eingeschränkt möglich. Die Zufriedenheit der Studierenden mit den Angeboten der Unis sinkt, Einsamkeit, fehlende Motivation und Konzentration werden zum Problem. Doch im beginnenden Wintersemester gibt es auch positive Ansätze.

https://www.deutschlandfunk.de/studieren-in-der-pandemie-corona-probleme-und-der.724.de.html?dram:article_id=486017


Herausforderungen der Pandemie: Ansturm auf Verbraucherzentralen

Konsumentinnen und Konsumenten wenden sich in der Corona-Pandemie verstärkt an Verbraucherzentralen, weil sie seriöse Beratung zum Beispiel zu Online-Handel und Reisebeschränkungen suchen. Mehr Beratung bedeutet für die Verbraucherzentralen mehr Aufwand – und neue Problemstellungen.

https://www.deutschlandfunk.de/herausforderungen-der-pandemie-ansturm-auf.724.de.html?dram:article_id=485937


 

So sah das "Open Books"-Lesefest in diesem Jahr während der Buchmesse aus: Empfang des Publikums am Eingang zur Ev. Akademie Frankfurt am Main am Römerberg 


https://www.openbooks-frankfurt.de/