Hessencast.de
"Hesse ist, wer Hesse sein will" Georg August Zinn

„Man schreibt aus der Notwendigkeit heraus, mit anderen zu kommunizieren und eine Gemeinschaft zu bilden, um zu verurteilen, was Schmerz verursacht, und um mit anderen zu teilen, was glücklich macht. Man schreibt gegen die eigene Einsamkeit und gegen die Einsamkeit anderer. Man nimmt an, dass Literatur Wissen vermitteln und das Verhalten und die Sprache jener beeinflusst, die lesen, und uns so hilft, uns besser kennen zu lernen und uns kollektiv zu retten.“ Eduardo Galeano, Die Verteidigung des Wortes, 1976

„Soziale Systeme, die sich im Hinblick auf Liebe strukturieren, stellen sich selbst unter die Forderung kommunikativer Offenheit für nicht im Voraus festgelegte Themen – also unter hohes Risiko.“ Niklas Luhmann: Liebe. Eine Übung, Suhrkamp Frankfurt am Main 2008, S. 16




                                                                  (Quelle: Hessisches Staatsarchiv Darmstadt)

1. Ganzfiguren

Im Vordergrund ein aneinandergerücktes Paar. Sie sitzt links, die Hände in die Taschen des dunklen Wintermantels gesteckt. Die helle Mütze ist tief in die Stirn gezogen, bis knapp über die dunklen Augenbrauen. Wache Augen, deren Farbe auf dem Schwarz-Weiß-Foto nicht zu erkennen ist . Sie lächelt in die Fotokamera. Ihre Beine sind durch eine helle Strumpfhose vor der Kälte geschützt. Der Mann rechts neben ihr legt den Ellenbogen seines rechten Armes so auf die Lehne der Sitzbank, dass er die Frau berührt. Den Hut hat er tief ins Gesicht gezogen, der Schatten der Krempe lässt seine Augen im Verborgenen. Der Mund unter dem dichten, dunklen Schnurrbart ist verschlossen. Hut und Mantel des Mannes sind heller als das Hutband, unter dem offenen Mantel trägt er eine dunkle Anzugjacke oder einen Pullover über dem weißen Hemd mit gestreifter Krawatte.

Gleich links neben dem Paar ist eine Laterne an die Rückenlehne der langen Holzbank montiert, auf der die beiden sitzen. In der Bildmitte Wasser, ein paar flache Kähne an einer Uferböschung vertäut. Sitzen die beiden auf einer Fähre, die gerade angelegt hat? Gut möglich, denn etwa an dieser Stelle am Neckar gibt es zu dem Zeitpunkt, an dem das Foto entsteht, eine Fährverbindung. Am Ufer links im Hintergrund eine Burgruine vor einem Höhenzug. In der Bildmitte ein markantes, zweistöckiges Gebäude, etwas erhöht hinter einer Mauer am Uferweg. Das Hessische Staatsarchiv Darmstadt, in dem dieses Foto aufbewahrt wird, notiert im Sommer 2020 dazu: „Titel: Leuschner, Wilhelm (1890-1944) / Porträt mit Elly Deumer (1900-1985), am Neckarufer in Neckarsteinach gegenüber Hotel 'Harfe' auf Bank sitzend, Ganzfiguren Datierung Oktober 1928.“

Zum Zeitpunkt, als das Foto entsteht, ist Leuschner sozialdemokratischer Innenminister des sogenannten „Volksstaates Hessen“ mit Regierungssitz in Darmstadt. Die Nationalsozialisten jagen ihn knapp fünf Jahre später aus dem Amt, stecken ihn in Gefängnisse und Konzentrationslager. Nach seiner Entlassung beginnt Wilhelm Leuschner Mitte der 1930er Jahre von Berlin aus, ein Widerstandsnetz aus vielen hundert Gewerkschafter*innen sowie Sozialdemokrat*innen zu knüpfen, das weit auch in kleinere Orte in der Provinz hineinreicht. Gemeinsam mit christlichen Gewerkschafter*innen wie Jakob Kaiser, Elfriede Nebgen und Max Habermann sowie weiteren sozialdemokratischen Vertrauten bringt Leuschner dieses Netz in den sogenannten „Goerdeler-Kreis“ und schließlich in die in Bewegung des 20. Juli 1944 ein.

Rund drei Wochen nach dem Attentatsversuch auf Hitler wird Leuschner verhaftet, nachdem er zuvor auch bei Elfriede Nebgen (vergl. Nebgens Kaiser-Biografie) Schutz sucht und bei Elly Deumer sowie ihrem Vater Unterschlupf findet. Das Todesurteil gegen ihn wird am 29.September 1944 vollstreckt. Die am 28. Juli 1900 geborene Elly Deumer überlebt ihren Geliebten viele Jahrzehnte. Sie stirbt am 24.6. 1985 in ihrer Heimatstadt Darmstadt.

Elly Deumer war eine Frau, die noch lange über seinen Tod hinaus eine große Liebe für Wilhelm Leuschner empfand. Die dem zivilen Konspirateur gegen Hitler nach dem gescheiterten Attentat zur Seite stand. Die auch nach seiner Verhaftung alles versuchte, um Leuschner irgendwie wieder freizubekommen. Um diese hochriskante Liebe geht es im Folgenden. Dabei soll Elly Deumer neben Leuschner ein wenig mehr zur „Ganzfigur“ werden – über eine Silhouette auf wenigen alten Foto hinaus. Das ist der Anspruch. 

Siehe auch:

https://www.fr.de/rhein-main/ns-widerstandskaempfer-frankfurt-mutigen-verschwoerer-12255033.html