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"Hesse ist, wer Hesse sein will" Georg August Zinn
  • DGB Hessen/Thüringen ist zur Mitarbeit an Neuausrichtung der Kriterien zur Vergabe der Leuschner-Medaille bereit

 

  • Debatte um höchsten hessischen Staatspreis – die Leuschner-Medaille - geht weiter/ Deniz Yücel oder Angehörige von Hanau als Beispiel -
  • Michael Rudolph, der Vorsitzende des DGB-Bezirks Hessen/Thüringen. begrüßt die Debatte zur Neuausrichtung der Erinnerungskultur, die mehrere Parteien im hessischen Landtag beginnen wollen. Die Landtagsfraktion von SPD, Grünen und FDP wollen Gespräche darüber führen, dass künftig die Wilhelm-Leuschner-Medaille – der höchste hessische Staatspreis – angesichts des rechtsextremen Terrors von Hanau und dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten wieder mehr „im Geiste Leuschners“ vergeben wird. Wenn ein Kuratorium eingerichtet würde, das die Landesregierung in dieser Frage berät, würde sich der DGB beteiligen, so Rudolph im Gespräch mit dem Deutschlandfunk.

     

    Die Stimme des DGB ist in diesem Zusammenhang wichtig: Denn Wilhelm Leuschner, der von den Nationalsozialisten hingerichtete führende sozialdemokratische Gewerkschafter in der Bewegung des 20. Juli 1944 ist bis heute eine Ikone der deutschen Gewerkschaften. Michael Rudolph: „Für uns als Gewerkschaften geht das ja noch weit über das antifaschistische Verständnis hinaus.“ Wilhelm Leuschner sei für die Gewerkschaften noch mehr: „Der zentrale Satz, den er geprägt hat, ist: `Schafft die Einheit. Er ist der `Vater´ – mit Käthe Kern als `Mutter´ - gemeinsam stehen die beiden für die Gewerkschaft nach dem Prinzip `Ein Betrieb, eine Gewerkschaft.´“ Dieses Prinzip gelte bis heute, so der Vorsitzende des DGB-Bezirks Hessen/Thüringen. Wichtig sei künftig, den höchsten hessischen Staatspreis an mehr Frauen als bisher zu vergeben sowie an Menschen in Betrieben und in der Gesellschaft, die entschlossen für die pluralistische Gesellschaft und gegen faschistoide Tendenzen eintreten. Wie der der aus Hessen stammende Deniz Yücel. DGB-Chef Michael Rudolph: „Auch Menschen, die nicht so öffentlich in Erscheinung getreten sind wie Yücel, zum Beispiel die Hinterbliebenen von Hanau, Menschen die sich alltäglich gegen Rechtsextremismus und für den Zusammenhalt in der Gesellschaft stark machen.“ Aber auch eine posthum-Ehrung von gewerkschaftlichen Widerstandskämpferinnen wie Käthe Kern wäre „ein starkes Zeichen“, so Rudolph, um das bisherige Missverhältnis von Männern und Frauen in der Geschichte des höchsten hessischen Staatspreises aufzuarbeiten.

  • Der 20. Juli 1944 und der höchste Staatspreis in Hessen

    Erinnerungspolitik: Landtagsparteien in Hessen wollen Vergabe der Leuschner-Medaille demokratisieren

    Stichworte zur Anmod:

    Wilhelm Leuschner war in der Bewegung des 20. Juli 1944 einer der führenden Zivilisten. Der Sozialdemokrat und Gewerkschafter wäre Vizekanzler einer Übergangsregierung geworden, wenn das Attentat des Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Hitler geglückt wäre. Wie Stauffenberg wird Leuschner nach dem Scheitern des Umsturzversuches von den Nationalsozialisten hingerichtet. Da er vor 1933 hessischer Innenminister war, trägt die höchste Auszeichnung des Landes Hessen seit langem den Namen Leuschners. In der Vergangenheit wurde die Leuschner-Medaille oft an verdiente Landespolitiker verliehen. Angesichts der Bedrohung durch den Rechtsextremismus fordern nun mehrere demokratische Landtagsparteien, die Vergabepraxis „im Geiste Leuschners“ wieder stärker an Kriterien wie Zivilcourage und entschiedenes Engagement für das demokratische Gemeinwesen zu knüpfen. Doch der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier sieht keinen Veränderungsbedarf. Zum erinnerungspolitischen Streit im Wiesbadener Landtag Ludger Fittkau…

    Beitrag beginnt mit altem Radio- O-Ton

    „Ihr aller Tod soll uns Mahnung und Verpflichtung sein, das von ihnen begonnene Werk der Einigung der Arbeiterklasse zu vollenden und zu bewahren.“

    Die sozialdemokratische Widerstandskämpferin Käthe Kern erinnert bei einer Kundgebung am 1. Mai 1946 an von den Nationalsozialisten ermordete Genossen. Mehrere hunderttausend Menschen haben sich am ersten Maifeiertag nach dem Ende der NS-Herrschaft in Berlin-Mitte vor einer Kulisse aus Trümmerhäusern versammelt.

    „Ich denke vor allem auch an Wilhelm Leuschner, dessen gesamte politische Arbeit in Gemeinschaft mit anderem vor allem der gewerkschaftlichen Einheit diente.“

    Käthe Kern kennt Wilhelm Leuschner bereits aus gemeinsamen Jugendtagen in Darmstadt. Von 1934 bis zum 20. Juli 1944 war sie die wichtigste Frau in der Berliner Zentrale des weitreichenden gewerkschaftlichen Leuschner-Widerstandnetzwerkes.

    Der gelernte Holzbildhauer hatte bereits seit 1909 die Gewerkschaft der Bildhauer im Umfeld der Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe geleitet.  Ende der 1920er Jahre war er SPD-Innenminister des sogenannten „Volksstaates Hessen“ geworden – bis die Nationalsozialisten ihn zum Rücktritt zwangen und monatelang gefangen hielten – unter anderem im KZ  Börgermoor. Nach seiner Freilassung arbeitete Leuschner ab 1934 von Berlin aus gemeinsam mit Käthe Kern an einer mehrere hundert Menschen umfassenden Widerstandsorganisation, die er schließlich in die Bewegung des 20. Juli 1944 einbrachte.

    Nach Wilhelm Leuschner ist seit den 1960er Jahren die höchste Auszeichnung des heutigen Bundeslandes Hessen benannt- sie wird durch den hessischen Ministerpräsidenten vergeben. Häufig an verdiente Landespolitiker, gerne auch der eigenen Partei. Günter Rudolph, der Vorsitzende der SPD-Fraktion im hessischen Landtag will das ändern:

    „Wir halten das nicht mehr für zeitgemäß, dass man in Form eines Kurfürsten von oben bestimmt, wer es wird und deswegen sehen wir bei der Verleihung Reformbedarf. In einem demokratischen Verfahren. Wir könnten uns gut ein Kuratorium vorstellen. Ein Kuratorium gibt es beispielsweise bei der Verleihung des ,hessischen Friedenspreises.“

    Ein solches Fachgremium könnte auch bei der Leuschner-Medaille Vorschläge unterbreiten – etwa Menschen, die sich „im Geiste Leuschners“ entschlossen gegen Rechtextremismus und für Solidarität in der Gesellschaft engagieren. Gerade Hessen hatte insbesondere mit dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und dem rassistischen Attentat in Hanau in den letzten Jahren große Probleme mit rechtsextremem Terror.  Die CDU-geführte Wiesbadener Staatskanzlei sieht jedoch hingegen keinen Grund, die Vergabepraxis zur Leuschner-Medaille zu ändern. Auf Anfrage des Deutschlandfunks erklärt sie schriftlich:

    „Die Verleihung von staatlichen Auszeichnungen, wie Orden oder ranghöchsten Ehrenzeichen, obliegt in der abschließenden Entscheidung stets dem Staatsoberhaupt oder in diesem Fall dem Regierungschef. (…)  Ebenso verhält es sich bei der Verleihung der ranghöchsten Landesauszeichnung, der Wilhelm Leuschner-Medaille, die 1964 von Ministerpräsident Georg-August Zinn gestiftet wurde. Es gibt derzeit keinen Anlass und keine Notwendigkeit, dieses Verfahren zu ändern.“

    Im Gegensatz zur CDU zeigen sich die Grünen, die gemeinsam mit den Christdemokraten in Wiesbaden die Landesregierung stellen, offen für Veränderungen. Eva Goldbach, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende:

    „Wir (…) werden uns mit der SPD und den anderen demokratischen Fraktionen zusammensetzen und sind dann offen dafür, ob man vielleicht auch in Zukunft etwas verändert.“

    Auch die FDP signalisiert bei der Leuschner-Medaille Reformbereitschaft. Rene Rock, Fraktionschef der Liberalen im Wiesbadener Landtag:

    „Ich glaube, dass ist ein wichtiger Preis in unserem Land und es sollte schon einen Dialog geben, wer dort geeignet ist als Preisträger. Zurzeit ist es ja so, dass der Ministerpräsident das entscheidet und uns vorab mal früher oder später das mitteilt, für was er sich entschieden hat.“

    Zuletzt immerhin paritätisch für zwei Frauen und zwei Männer. In der Vergangenheit kamen die Frauen meist nicht zum Zuge. Käthe Kern übrigens auch nicht. Obwohl sie bis Mitte der 1980er Jahre lebte und ihr Leben als engste Mit-Konspirateurin Leuschners riskiert hatte – in der Bewegung des 20. Juli 1944 gegen Hitler.

  • ..mal wieder eine Lesung! Oben ein Bericht dazu aus der "Wormser Zeitung" mit Dank für die freundliche Aufnahme in der Stadt:

Veranstaltungen mit dem Buch - unter anderem in der KZ-Gedenkstätte Osthofen:

https://www.wormser-zeitung.de/lokales/osthofen/pfahle-des-widerstands_20468338

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Radiofeature

Wilhelm Leuschner und der zivile Widerstand

Deckname „Onkel“

Von Ludger Fittkau

Wenn das Stauffenberg-Attentat auf Hitler geglückt wäre, hätten Tausende Zivilisten Polizeistationen und Radiosender besetzt und Verwaltungen übernommen. Wilhelm Leuschner, zu Zeiten der Weimarer Republik SPD-Innenminister, hatte das Netzwerk aufgebaut. Doch das Signal aus Berlin kam nicht. 

https://www.deutschlandfunkkultur.de/wilhelm-leuschner-und-der-zivile-widerstand-deckname-onkel.3720.de.html?dram:article_id=450398

http://www.fvms.de/presse-und-publikationen/literatur/dossier-20-juli.html

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Pressestimmen zum Buch:

»Die Autoren rücken weniger bekannte zivile Widerstandskämpfer ins Blickfeld, die mit den Organisatoren des Staatsstreiches vom 20. Juli verbunden waren.« Spiegel Geschichte »Das Buch zeigt anschaulich, eine kleine Clique waren die Verschwörer gegen Hitler nicht.« (MDR) »Durch die Verquickung der im Buch aufgeführten Konspirateure mit ihren Reisen, Treffen, Kontakten und Aktionen gelingt es den Verfassern, ein breit gefächertes Bild dieser oppositionellen Gruppe zu zeichnen (...). Die aufgrund vieler Recherchen gewährten biografischen und politischen Einblicke zeigen, dass die große Mobilität, die geheimen Kontakte zu Gestapo und SS, v.a. aber verlässliche Freundschaften als Grundstruktur anzusehen sind. - Aufschlussreiche, gut zu lesende Information!« Borromäusverein e.V. »In dem Werk „Die Konspirateure“ erfährt man auch, wie gut vorbereitet die Zivilisten waren, um die Macht nach einem erfolgreichen Attentat übernehmen zu können - auch auf der lokalen Ebene. (…) Damit entreißen Fittkau und Werner 75 Jahre nach dem gescheiterten Attentat den zivilen Widerstand dem Vergessen, der so viel unbekannter ist als die Hollywood-taugliche Geschichte der Militärs um Stauffenberg.« Pitt von Bebenburg, Frankfurter Rundschau »Das Buch ist inhalts- und materialreich, zugleich aber auch gut geschrieben. Wer jenseits der wissenschaftlichen Abhandlungen etwas über den Widerstand gerade in unserer Regeion erfahren will, ist mit diesem Werk bestens bedient.« (Gunnar Schwarting, conSens) »Man erkennt in diesen prinzipientreuen, charakterstarken Menschen Deutsche, die es inmitten größter Gefahr für das eigene Leben riskiert haben, gegen die schlimmsten Gewaltverbrecher aufzubegehren. Das Buch setzt ihnen ein würdiges Denkmal.« (Allgemeine Zeitung) »Eine sehr anschauliche und oft spannende Darstellung solcher ziviler Anteile an der Verschwörung schildert das Buch von Ludger Fittkau und Marie-Christine Werner mittels einer Topographie des Widerstands vor allem des Kreises um den Sozialdemokraten und Gewerkschafter Wilhelm Leuschner, der auch zu den Opfern der NS-Verfolgung nach dem 20. Juli gehört.« Informationsmittel für Bibliotheken 

 Ludger Fittkau/Marie-Christine Werner

Die Konspirateure
Der zivile Widerstand hinter dem 20. Juli 1944
wbg Konrad Theiss Verlag, Darmstadt 2019, 336 Seiten, € 25,–


Siehe auch:

https://www.academia.edu/39881986/IFB_Rezension_Die_Konspirateure_der_zivile_Widerstand_hinter_dem_20_Juli_1944_Lutger_Fittkau_Marie_Christine_Werner_Darmstadt_wbg_Theiss_2019