Pressestimme:
"Die Nähe und Authentizität machen die Lektüre lohnend. Das Buch zeigt die drastischen Folgen, die ein Krieg hat, darunter Hunger und Mangelernährung." (Frank Schuster im "Darmstädter Echo" vom 27.2.26)
Zu bestellen ist das Buch hier: Schüren Verlag GmbH, Adresse: Universitätsstr. 55, D-35037 Marburg, Tel.: 06421/6 30 84 / E-Mail: info@schueren-verlag.de
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BUCHBESPRECHUNGEN UND HINWEISE
Archiv für hessische Geschichte 82 (2024) 299
Schäfer, Franz Josef: Rezension über: Ludger Fittkau, „Man lebt ja
nicht um seiner selbst willen“. Die Frauenrechtlerin Käthe Kern und
der 20. Juli 1944, Berlin: Lukas Verlag für Kunst- und
Geistesgeschichte, 2023, in: Archiv für hessische Geschichte und
Altertumskunde, 82 (2024), S. 298-301, https://www.recensio-regio.
net/r/1def662a70c74c7695e1e80c420475d
Der Journalist Ludger Fittkau (*1959) hatte sich bereits 2019 gemeinsam mit Marie-Christine Werner (*1971) mit Männern und Frauen befasst, die zum Leuschner-Widerstandsnetz zählten: „Die Konspirateure. Der zivile Widerstand hinter dem 20. Juli 1944“.
In seiner neuesten Publikation befasst er sich mit einer Widerstandskämpferin, die zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist, Katharina (Käthe) Kern, die 1900 in Darmstadt geboren
wurde und 1985 in Ost-Berlin starb. Das Buch erscheint als Band 2 der 2022 eröffneten
Reihe „Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“. Band 1 stammt von Johannes Tuchel: „ ...wenn man bedenkt, wie jung wir sind, so kann man nicht an den Tod glauben'. Liane Berkowitz, Friedrich Rehmer und die Widerstandsaktionen der Berliner Roten Kapelle“. Band 3 stammt von Gerhard Hochhuth: „,Ich habe kein >Klassenbewusstsein< – nur Menschenbewusstsein'. Rose und Bodo Schlösinger und die Rote Kapelle“.
Fittkau würdigt Käthe Kern als eine „der führenden Zivilistinnen beim Umsturzversuch des 20. Juli 1944“, gar als „wichtigste hessische Widerstandskämpferin gegen Hitler“ (S. 6). Seine Monografie geht über die Biografie Käthe Kerns hinaus, weil der Autor zudem das Frauen-Netzwerk im Widerstand gegen Hitler vorstellt. Käthe Kern und Elisabeth Leuschner (1885-1971), die Witwe Wilhelm Leuschners (1890-1944), hatten dem Leuschner-Biografen Ludwig Bergsträsser (1883–1960) mehrseitige Berichte zur Verfügung gestellt. Elfriede Nebgen (1890-1983), die Mitarbeiterin und spätere Ehefrau des Zentrumspolitikers Jakob Kaiser (1888-1961), veröffentlichte 1967 ein Buch über den Widerstandskämpfer Jakob Kaiser. Elly Deumer (1900-1986), Leuschners Geliebte, führte zwei Stichwort-Tagebücher, die heute im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt aufbewahrt werden. Sie ergänzte viele Klarnamen bekannter Widerständler erst nach dem Krieg in ihren beiden Merkbüchern des Jahres 1944, jenem Jahr, in welchem Leuschner und sie in Darmstadt
und Berlin zusammen waren. Ein wichtiger Informant für Ludger Fittkau war der Kinderund Jugendarzt Dr. Hans Joachim Landzettel (*1934), Darmstadt-Kranichstein, Sohn von Käthe Kerns Schwester Gertrud. Akten des Darmstädter Archivs belegen, wie wichtig Käthe Kern gerade in der unmittelbaren Vorbereitung des 20. Juli 1944 für Leuschner war. Sie ließ sich aber nicht auf seine Bitte ein, ihre Arbeitsstelle zu kündigen und ganz für ihn zu arbeiten, weil inzwischen Julius Leber (1891-1945) verhaftet wurde und sie vorsichtig sein wollte.
Käthe Kern war die älteste Tochter des Krankenkassenbeamten Jacob Kern (1876-1952), der schon vor 1914 Sozialdemokrat und Gewerkschafter war. 1918 nahm er am Rätekongress in Berlin teil. 1944 wurde er im KZ Dachau gefangen gehalten. 1948 wurde er KPD-Mitglied, nachdem er zuvor aus der SPD ausgeschlossen wurde wegen Befürwortung einer sozialistischen Einheitspartei in den Westzonen. Die Mutter, Elisabeth Kern geborene Bangert (1888-1944), las früh die sozialdemokratisch-feministische Zeitschrift „Die Gleichheit“, die bis 1917 von Clara Zetkin herausgegeben wurde. Sie war nach 1918 Stadtverordnete und leitete zeitweise die Frauenabende der SPD. Außerdem war sie viele Jahre Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt. Käthe Kern besuchte bis zum 14. Lebensjahr die Mädchen-Mittelschule I in Darmstadt und nahm 1917/18 an einem einjährigen Handelskurs der „Alice-Frauenschule“ in Darmstadt teil. In der Jugend wanderte sie viel im Odenwald und an der Bergstraße, mit der Sozialistischen Arbeiterjugend und mit den Jungsozialisten. 1919 trat sie der Sozialistischen Arbeiterjugend bei, 1920 der SPD. 1921 arbeitet sie als kaufmännische Angestellte beim Präsidenten der Landesversicherungsanstalt Hessen in Darmstadt. 1925 war sie beim Allgemeinen Freien Angestellten-Bund als Sekretärin von Otto Suhr (1894-1975) und als Mitarbeiterin des Reichstagsabgeordneten Siegfried Aufhäuser (1884-1969) tätig. Dem Bezirksvorstand der SPD in Berlin gehörte sie von 1928 bis 1933 an und leitete dort das Frauensekretariat. Nach zweimonatiger Haft und an schließender Arbeitslosigkeit fand sie im Dezember 1933 Anstellung als Stenotypistin der Berliner Hauptgeschäftsstelle vom „Bund der Saar-Vereine“. Direktor war der Nationalliberale Theodor Vogel (1870-1942). Über diese Tätigkeit konnte Käthe Kern die sozialdemokratische Presse im Saargebiet lesen und Berichte den Berliner Genossinnen und Genossen geben. Ab 1935 arbeitete sie bei den Preußischen Bergwerkshütten wieder als Sekretärin.
2019 wurde 75 Jahre nach dem gescheiterten Umsturzversuch des 20. Juli im Deutschen
Bundestag von den Fraktionen der CDU/CSU und SPD der Antrag gestellt, Frauen, die aktiv gegen Hitler arbeiteten, mehr in den Vordergrund zu rücken. Im Papier „Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ vom 25. Juni 2019 werden zwar mehrere Dutzend Frauen als Widerstandskämpferinnen genannt, aber nicht Käthe Kern, „der Name der einzigen Frau in der Berliner Führung der konspirativen Organisation Leuschners“ (S. 9).
Fittkaus Buch mit dem Anspruch, eine Forschungslücke zu füllen, besteht aus zwei Teilen: Im Widerstand– Käthe Kern im Leuschner-Kreis vor dem 20. Juni 1944 (S. 12-160) und Käthe Kern in der DDR (S. 163-329). Es folgen sechs summarische Quellenangaben, etwa „Bundesarchiv, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Hessisches Staatsarchiv Darmstadt“, gefolgt von 41 Literaturangaben, ein Personenregister, „Dank“ und „Autor“ (S.331-343).
Im zweiten Teil wird Käthe Kerns Politik als SED-Funktionärin betrachtet. Sie gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg dem Zentralausschuss der SPD in Berlin an und war Frauensekretärin der SPD. Auf dem Vereinigungsparteitag von SPD und KPD im April 1946 wurde sie in den Parteivorstand der SED gewählt, leitete mit der Kommunistin Elli Schmidt (1908-1980), mit der sie befreundet war, das Frauensekretariat und wurde Mitglied des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). 1947 war sie Mitbegründerin
des Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD), den sie auch in der Volkskammer der DDR vertrat, von 1957 bis 1984 als Vorsitzende der Fraktion. Kern wurde 1958 Mitglied des Verfassungsausschusses und war 1963 Mitglied im Ausschuss für das Gesundheitswesen. Beim Ministerium für Gesundheitswesen war sie von 1949 bis 1970 Leiterin der Hauptabteilung Mutter und Kind (HA MuK).
Käthe Kern sah nach der Befreiung vom Nationalsozialismus in der SBZ und später in der DDR größere Chancen als in den West-Zonen und in der BRD der Adenauer-Zeit, Fortschritte bei der rechtlichen Gleichstellung von Frauen zu erreichen. Sie schätzte die Gestaltungsspielräume, die das SED-Regime ihr gewährte, etwa die Besuche ihrer Verwandten in Südhessen.
„Sie arbeitete in der Regierung der DDR jahrzehntelang für materielle Verbesserungen der Frauen in der Arbeitswelt– für mehr Kinderkrippen, für gesündere Arbeitsbedingungen in Industriebetrieben, in denen sie die Frauen auch in den klassischen Männerberufen sehen wollte“ (S. 326). Die einstige Sozialdemokratin wollte aber auch in der DDR die Erinnerung an die Widerstandsaktivitäten von Sozialdemokraten wie Wilhelm Leuschner aufrechterhalten. Das wurde nach 1949 immer schwieriger, weil die SED zu einer „Partei neuen Typus“ umgestaltet wurde, in der viele frühere Sozialdemokraten systematisch entmachtet wurden. Dennoch ließ Käthe Kern die ideologisch verzerrende Darstellung der Widerstandsaktivitäten Leuschners in DDR-Museen und Zeitungsartikeln nicht unkommentiert und bestand auf Berichtigung von Ausstellungstexten. Die Parteisäuberung überstand sie unter Auflagen. So nahm sie 1950 an der Abenduniversität des Marxismus - Leninismus in Berlin teil und legte eine Zwischenprüfung ab in „Geschichte der KPdSU“. In einem Lebenslaufentwurf aus der spätstalinistischen Phase strich sie handschriftlich eine Passage zu ihrer Tätigkeit beim Bund der Saar-Vereine und bei der Preussag AG während der NS-Zeit und ihre Mitgliedschaft im „Demokratischen Block“ der Nachkriegszeit.
Ludger Fittkau ist ein beeindruckendes Werk gelungen. Die Fehler sind minimal, etwa
die Bezeichnung von Thüringen in der Nachkriegszeit als Bundesland. Wünschenswert
wäre gewesen, die Quellenangaben nicht nur auf den Anmerkungsapparat zu beschränken,
sondern vollständig im Quellenverzeichnis aufzuführen. Der Titel ist einem Brief Kerns
vom 10. März 1948 an Anna Natterer in München entnommen, die auch mit Wilhelm
Leuschner befreundet war.
„Wenn ich alles in allem nehme, dann war mein Leben vor allem begnadet durch die Liebe einer unvergleichlichen Mutter und die innige Freundschaft mit Helm [Wilhelm Leuschner]. Beide sind mir fast zur gleichen Zeit im September 1944 genommen worden. […] Manchmal legt man sich die Frage nach dem Sinn des Lebens vor, aber wenn man dann wieder einmal Menschen helfen konnte, dann kommt man doch wieder zu der Auffassung, dass man noch gebraucht wird, und man lebt ja nicht um seiner selbst willen, sondern es ist schon so, dass man lebt, um seine Pflicht zu tun“ (S. 279). Franz Josef Schäfer
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KI-Brillen statt „Freiheit durch Bildung“
Kant wusste noch nichts von heutiger „Künstlicher Intelligenz“, wie sie uns von Tech-Konzernen inzwischen tagtäglich in unseren Schreib-Programmen, auf Tablets und Smartphones aufgedrängt wird. Aber er wusste etwas von menschlicher Bequemlichkeit. Andreas Großmann, der Herausgeber des anregenden Sammelbandes „Zur Zukunft der Bildung. Zwischenrufe und Interventionen“ (Hamburg 2025), hat in Kants Essay „Was ist Aufklärung?“ für die Einleitung zum Buch die Stelle gefunden, die erklärt, warum sich auch in Schulräumen KI-Programme aktuell rasend schnell verbreiten:
„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Theil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes) dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der mich für die Diät beurtheilt, u.s.w., so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nöthig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen“.
Den Mut zu haben, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, wie es die Aufklärung forderte, hat eine wichtige Voraussetzung: der eigene Verstand muss eine Chance haben, sich entwickeln und entfalten zu können. Klassisch galt der oder die „Gebildete“ als Voraussetzung von Verstandesgebrauch und Urteilskraft. Konrad Paul Liessmann stellt in seinem Beitrag zum Sammelband fest, dass diese/r „Gebildete“, die/den „wir ja eigentlich als Ziel all dieser Bildungsanstrengungen vermuten müssten, aus dem Wortschatz nahezu verschwunden“ sei (S. 92). „Weder sollen sich die Menschen bilden noch sollen sie gebildet werden, gefordert ist heute der Erwerb von ‚Kompetenzen‘ wie Teamfähigkeit, Kommunikationsbereitschaft, Innovationsfreude und digitale Fitness.“ (Ebda.) Kaum jemandem falle auf, so der Autor, dass es in der Praxis der heutigen Bildungsinstitutionen um „alles Mögliche“ gehen möge – „um die Interessen der Internet-Konzerne, um geschönte Statistiken, um sozialromantische Utopien und um beeindruckende Abiturnoten – aber nicht um Bildung“ (S.97/98). So werde etwa wegen des Digitalisierungstelos „ignoriert, (…) dass Tablet – und Laptopklassen im Vergleich schlechter abschneiden als analog unterrichtete Kinder (…)“.
Stoffvermittlung gilt in den heutigen Schulsystemen als zweitrangig, bald gäbe es ja massenhaft Datenbrillen, die den Stoff schon vor die Augen und von dort direkt ins Gehirn fließen lassen, wird bei Lehrer-Fortbildungsveranstaltungen bereits heute argumentiert. Die Lehrkräfte könnten sich dann den seelischen oder sozialen „Bedürfnissen“ der einzelnen Schüler*innen zuwenden, die Wissensvermittlung sei ja nicht mehr nötig: „(…) von ‚Stoff‘ ist schon lange keine Rede mehr, im Gegenteil: ‚Stoff‘ ist zu einem Unwort geworden, denn, so die Annahme, die Digitalisierung ersetzt diesen durch situative und spontane Informationsbeschaffung“ (S.99).
Doch wer sorgt für die „Information“ auf den Oberflächen der Datenbrillen und mit welchem Interesse? Haben die Musks, Zuckerbergs und Co. wirklich etwas im Sinn mit dem, was einst Hegel als Voraussetzung für die Lust an Lesen und Lernen bei jungen Menschen erkannte, wie Konrad Paul Liessmann in Erinnerung ruft:
„Schon Hegel wußte, dass der Geist junger Menschen, der frei und neugierig ist, einen Stoff benötigt, an dem er sich nähren, schärfen, entzünden, wachsen und abarbeiten kann. Und dabei geht es nicht um den sogenannten ‚nützlichen‘ Stoff, sondern ‚nur der geistige Inhalt, welcher Wert und Interesse in und für sich selbst hat, stärkt die Seele.‘ (…) Neugier und die Lust am Wissen, die Freude am Lesen, das Verständnis für die Methoden und Ergebnisse der Wissenschaften, die Beherrschung von Fremdsprachen, der Sinn für historische Zusammenhänge, die Schulung des ästhetischen Geschmacks, die Formung einer politischen und moralischen Haltung gegenüber der Welt – all das kann erworben, geübt, verfeinert und weiterentwickelt werden, ganz ohne Digitalisierung.“ (S. 100).
Doch an vielen Schulen werden weiterhin Tablets verteilt- an Schüler*innen und Lehrende. Aber, so befürchtet Liessmann, „die Applikationen und Algorithmen helfen nicht, uns zu bilden, sondern sie nehmen uns die Bildung ab. Unsere digitalen Assistenten lesen für uns und lesen uns das, was sie uns zumuten wollen, vor; wohl könnten wir ihnen befehlen und diktieren, aber wir überlassen die Entscheidung, was uns interessiert, gerne den Algorithmen der Anbieter von Lernsoftware. Wir müssen weder selbst lesen noch schreiben können, um informiert und kommunikationsfähig zu sein“ (S.101).
Das kann nicht das letzte Wort sein. Andreas Gelhard erinnert in seinem Beitrag „Bildung als Befreiung“ daran, dass Hegels Begriff der Bildung „kein pädagogischer Begriff“ ist. Hegels Bildungsbegriff benenne „emanzipative Prozesse, in denen Menschen gegen Widerstände ihre Freiheit verwirklichen“ (S. 185). Doch was heißt „Freiheit durch Bildung“ im Zeitalter der KI? Der Buchbeitrag Käthe Meyer-Drawes trägt den Titel: „Maschinen, die (mit) Menschen spielen“. Fake News oder ungeheurer Energieverbrauch durch KI seien das eine. Die Veränderung der menschlichen Wahrnehmung bis hin zur „Eliminierung des menschlichen Weltverhältnisses“ das andere: „Damit einher geht ein Prozess der De-Sozialisierung der gegenwärtigen Gesellschaft. Durch ihn verlieren soziale Prinzipien und Strukturen an Bedeutung. Gleichzeitig expandieren die Objektwelten“ (S. 129). Oder klassische Objekte in der Schulbibliothek – die Bücher – werden in den Regalen durch Tablets ersetzt, die gewartet werden müssen: Lese- und Schreibtische werden zu Arbeitsplätzen für Klein-Computer- Reparateure.
Wenn Bildung, so Meyer-Drawe mit Blumenberg, „ganz wesentlich Unverführbarkeit“ bedeute, dann ist die drohende Herrschaft der KI in Schulen das Gegenteil dessen, was Hegel mit „Freiheit durch Bildung“ anstrebte. Das Verdrängen der Bücher durch Tablets in Schulen ist der Sieg der Verführungskünste der Tech- Konzerne und ihrer Handelsvertreter*innen in Schulbehörden und bei Schulträgern. Was dagegen hilft? Leselust fördern! „Der Gebildete ist ein Leser. Doch es reicht nicht, ein Bücherwurm und Vielwisser zu sein. Es gibt – so paradox es klingt – den ungebildeten Gelehrten. Der Unterschied: Der Gebildete weiß Bücher so zu lesen, dass sie ihn verändern (S. 105)“. Kann Schule in Zeiten von KI so etwas anstoßen? Wer kämpft, kann verlieren…
Ein sehr wichtiger Sammelband zur Lage an unseren Bildungseinrichtungen.
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Zwischen „prometheischer Scham“ und Plädoyer zum „Selberdenken“
Das „Journal Phänomenologie 63/2025“ beschäftigt sich mit der „Phänomenologie KI-generierter Texte“
Selberdenken – oder Denken lassen? Eigentlich keine Frage für die Philosophie, sollte man meinen. Doch die so genannte „Künstliche Intelligenz“ provoziert die Zunft der Denker*innen. Sie schreibt deshalb darüber, so geht es im Schwerpunkt des soeben erschienenen „Journal Phänomenologie 63/2025“ um KI-generierte Texte. Andreas Großmann, einer der Redakteure des Heftschwerpunktes, schlägt schon mit der Überschrift seines Beitrages Pflöcke ein: „Wider die Verabschiedung des Selberdenkens“ (S.38-41). Stolpern, Ratlosigkeit, Irrtum, „ja auch das Scheitern“ sind für Großmann Voraussetzungen für Neues in der Wissenschaft, KI-Systeme könnten solche Erfahrungen verhindern. Bildungsprozesse seien aber „die Urteilskraft schärfende Erfahrung des Sich-fremd-Werdens“ (S.41). Raum des Denkens und – mit Heidegger - ein „Haus des Seins“ sei die Sprache – auch die Fremdsprache, die man selbst erlernen und nicht dem „KI-Sprachautomaten“ überlassen sollte, fordert Großmann. Ähnlich argumentiert Jörn Kux: „Mir kommt Heinrich von Kleists Aufsatz ‚Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“ in den Sinn. Was wenn es keinen allmählichen Verfertigungsprozess mehr gibt? Was, wenn mühsame Lernschritte ausgelassen werden und kein kreatives Vokabular mehr angelegt wird?“ (S.27)
Doch gehört Sprache wirklich „einzelnen Menschen“, fragt Thomas Stäcker in seinem Beitrag zu „Bibliotheken im Zeitalter einer schreibenden KI“. Das Heidegger-Sprach- „Haus des Seins“ heiße nicht „automatisch, dass der Bewohner auch deren Eigentümer wäre“. Im Gegenteil, die Sprache sei eine „Allmende“ (S.46), sie stehe „Menschen und Maschinen gleichermaßen offen“(Ebda.): Der „wissenschaftlichen Bibliothek“ müsse es dabei im Sinne einer „Wissensallmende“ vor allem um eine „politisch unabhängige, qualitätvolle und den wissenschaftlichen Bedürfnissen angepasste Datennahrung“ gehen (S. 48).
Musik etwa aber ist als „kulturelle Praxis“ nicht einfach das Ergebnis des Fütterns von Maschinen und Menschen mit Daten, „nicht das Auftauchen namenloser Klangkonstruktionen, sondern mit Namen, Gesichtern und Geschichten verbunden“, argumentiert Christian Grüny in seinem Beitrag „Genie und Standardisierung. Zu KI und Kreativität“. (S. 28-33). Dass diejenigen, die „irgendwann mal dafür bezahlt worden sind, Musik zu produzieren“, durch die KI-Industrie enteignet werden, wen interessiert das, fragt Grüny sarkastisch.
Philosophischer Nachwuchs wird durch die neue Technologie schon deswegen verunsichert, so Viet Anh Nguyen Duc in seinem Beitrag „Philosophieren in Zeiten des KI-generierten Nihilismus“, weil Studierende inzwischen die Erfahrung machen können, „dass ihre eigenständig verfasste Arbeit schlechter benotet wurde, als die von einer anderen Person, bei denen sie wissen, dass sie ganz klar nur mit Hilfe einer KI haben schreiben können und unfairerweise völlig unbeschadet damit durchgekommen sind (S.52/53). Andererseits: Um sich „vom standardisierten Tonfall von KI-Texten abzugrenzen, könnten Philosophen dazu veranlasst sein, sich mehr an „außergewöhnlichen oder eigenwilligen Arten von Texten zu versuchen“ (S. 52). Das jedoch berge wiederum die Gefahr, dass ein bestimmter „über jeglichen Selbstzweifel“ erhabener, „experimentierfreudiger Typ von Philosophierenden begünstigt“ werde, der das Fach „zu einer sehr exklusiven Angelegenheit von irritierend zielsicheren Persönlichkeiten“ machen könnte (Ebda.). Das sei aber nun nicht der Sinn der Denk- und Schreibübung, denn: „Letztlich ist Philosophie jedoch ein kollektiver Dienst an der Sache, so kann und sollte sie nie eine einsame Angelegenheit eines – dann wohl auch irrelevanten – Schreibers sein“ (S.53).
Beiträge von Daniel. M. Feige, Jürgen Strasser, Konstantin Schönfelder, Marko Fuchs, Sebastian Weyder-Volkmann und Selin Gerlik, Nora S. Stampfl und Petra Gehring ergänzen den KI-Schwerpunkt dieser aktuellen und sehr anregenden Ausgabe des „Journal Phänomenologie“.
Ein wenig „prometheische Scham“, mit der Günther Anders einst die „Scham vor der ‚beschämend‘ hohen Qualität der selbstgemachten Dinge“ auf den Begriff gebracht hat, spricht noch einmal aus dem Schlussbeitrag von Antonia Egel (S. 74/75): „Die KI werden wir nicht abschaffen, und sie mag da helfen, wo sie wirklich kann.“ Aber, so lautet ihr Schlussplädoyer, mit dem sie die Zielrichtung einiger Beiträge noch einmal zusammenfasst, „(…) gerade das Lernen im Entwicklungszustand – und wann gäbe es diesen je nicht mehr? – muss ein Freiraum sein jenseits der Maschinen, wenn unsere Welt eine der (Mit)menschlichkeit bleiben und werden will.“
Ludger Fittkau, Juli 2025