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(Foto: Ludger Fittkau)

Nationalpark Kellerwald-Edersee

Wie der Klimawandel den Welterbe-Buchen zu schaffen macht

Von Ludger Fittkau

Markus Daume ist seit 18 Jahren „Ranger“ im nordhessischen Nationalpark Kellerwald. Er bringt Wandergruppen zu den Brunftplätzen der Hirsche oder nimmt sie mit zur Pilzbestimmung. Kinder animiert er gerne dazu, im Wald eine Geräuschekarte zu malen. Damit sollen sie lernen, die einzelnen Tierrufe und andere Töne im hessischen Urwald genau zu unterscheiden. Auf einer Fläche von rund 11.000 Fußballfeldern wird hier die Natur sich selbst überlassen, der Mensch greift nicht mehr ein, die Wege sind längst wieder zugewachsen. Das Kerngebiet des Nationalparks dürfe nur noch für Forschungszwecke betreten werden, betont Daume.

Der Landschaftsökologe Manuel Schweiger ist seit Anfang September der neue Leiter des Nationalparks Kellerwald. „Was wirklich besonders beeindruckend ist hier im Nationalpark, sind diese alten Wälder. Weil, das ist wirklich etwas, was es so in Deutschland oder Europa noch ganz selten gibt“, schildert Schweiger die ersten Eindrücke, die er im Urwald mit 300 Jahre alten Buchen und mit bis zu 1000-jährigen Eichen nur ein paar Kilometer südlich der Edertalsperre gewonnen hat. Auch die echten Urwälder an den Hängen seien „wirklich einmalig“. Aber das gehe auch mit einer sehr, sehr großen Verantwortung einher, „diese ganz besonderen Wälder zu erhalten“.

Während die Eichen mit dem Klimawandel bisher vergleichsweise gut zurechtkommen, geht es für die Jahrhunderte alten Buchen wohl zu schnell mit dem Temperaturanstieg in der Atmosphäre und mit der Trockenheit in den Böden. Das Unesco-Weltnaturerbe am Edersee ist bedroht, auch wenn es dem Mischwald im Nationalpark aktuell noch vergleichsweise besser geht als vor allem den Fichtenplantagen in den benachbarten Mittelgebirgswäldern des Sauerlandes oder des Weserberglandes. Mit dem Klimawandel sterben vor allem außerhalb des Schutzgebietes bereits viele Tier- und Pflanzenarten, so Nationalparkchef Manuel Schweiger. Im Schutzgebiet sei das Artenspektrum noch relativ intakt. „Aber die Ausbreitung, wenn sich das Klima ändert, in andere Lebensräume, ist halt dadurch deutlich erschwert, dass es weniger passende Lebensräume außerhalb eines solchen Schutzgebietes gibt.“ Das globale Artensterben sei noch viel dramatischer als der Klimawandel an sich. Sie hätten die verantwortungsvolle Aufgabe, „wenigstens diesen Artenschatz, den wir hier im Schutzgebiet haben, wirklich auch zu bewahren“.

Ortswechsel. Ein Dorf am Rande des Urwalds. Sie nennt sich die „Nationalparkgemeinde“ – die Gemeinde Edertal in Nordhessen, 6.200 Einwohner, 13 Ortsteile. Das Gemeindehaus, in dem der parteilose Bürgermeister Klaus Gier sein Büro hat, steht in Giflitz. Das Dorf liegt nur rund zehn Kilometer unterhalb der Sperrmauer der Edertalsperre. Andere Ortsteile von Edertal liegen direkt am Ufer des Edersees, des flächenmäßig zweitgrößten deutschen Stausees.

Klaus Gier lebt schon seit seiner Kindheit in der Region. Er kann sich gut daran erinnern, dass die Idee, den ausgedehnten „Kellerwald“ südlich des Ederstausees zum ersten hessischen Nationalpark zu erklären, vor rund drei Jahrzehnten noch sehr umstritten war. Es gab eine breite Ablehnung der Öffentlichkeit, besonders in der Gemeinde Edertal, die große Flächen des Nationalparks ausmachen.“ Letztendlich habe sich dann damals die hessische Landesregierung entschlossen, den Nationalpark auszuweisen. „Es hat sich viel getan. Es gab immer auch wieder mal Versammlungen. Es gab natürlich Ängste, gerade was Wegenutzung angeht, die Nutzung des Waldes. Vor allem private Waldbesitzer und die Jagdgenossenschaften äußerten Vorbehalte – manchmal gibt es auch bis heute Meinungsverschiedenheiten, etwa wenn es um die Jagd am Rande des Urwaldes geht. 

Auch Diplom-Biologe Achim Frede erinnert sich: „Ja, das war eine ziemlich heiße Zeit. Nationalpark gab es ja im Hessen noch keinen. Und grundsätzlich fühlen sich Menschen dann, wenn Wildnis kommen soll, eingeschränkt in ihrer Nutzungsfähigkeit und Landwirtschaft, Forstwirtschaft, sonstiges.“ Frede gehörte zu den sieben jungen Naturschützenden, die sich erstmals im Wendejahr 1989 trafen, um zu überlegen, wie man die alten Buchenwälder am Edersee schützen und erhalten könne. Die Buchen befanden sich damals im sogenannten „Gatter“, einst ein Jagdrevier der Grafen und Fürsten zu Waldeck. Seit 1946 befindet sich das Areal im Staatsbesitz. Achim Frede erinnert sich an den politischen Gegenwind, den es damals in der Region gab, als sie ihre Urwald-Pläne veröffentlichten:

„Und in der Region hier war das auch etwas ganz Neues. Der Streit ging heftig durch die Familien, durch die Region, durch die Parteien. Also: Es war eine ziemlich revolutionäre Idee, die wir ja erstreiten mussten.“ Doch anders als in den Anfängen vor drei Jahrzehnten sei der Nationalpark Kellerwald-Edersee heute in der Region breit akzeptiert, versichert Klaus Gier, der Bürgermeister von Edertal. Auch wenn die Sorgen nicht ganz verschwunden sind, der Park könnte neben den Edersee-Touristen vor allem viele Wanderer in die Region locken – und damit die ohnehin vorhandenen Verkehrsprobleme der Gemeinden an der Eder noch vergrößern: „Dass es viele Touristen gibt, die kommen, das ist nicht abwegig. Aber letztendlich sind wir immer schon gut bestückt, was Urlauber am Edersee angeht. Also das kann, glaube ich, nicht unbedingt angeführt werden“, so Gier.

Was sich sowohl die Nationalpark-Leute als auch der Bürgermeister der Gemeinde Edertal wünschen: der nordhessische Urwald sollte noch besser mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein als bisher. Immerhin: Auf der Südwest-Seite des Kellerwaldes ist vor einigen Jahren die lange still gelegte Bahnstrecke von Korbach nicht weit von der Grenze zu Nordrhein-Westfalen Richtung Frankenberg und Marburg in Mittelhessen wieder in Betrieb genommen worden. Damit ist der Nationalpark zumindest auf einer Seite wieder mit der Bahn zu erreichen. Doch gerade in der Nationalparkgemeinde Edertal fehlt die Bahnverbindung, obwohl das Gemeindehaus an der Bahnhofsstraße liegt.

Bürgermeister Klaus Gier erklärt: „Den Bahnhof selber gibt es nicht mehr. Der ist leider auch schon vor einigen Jahren stillgelegt worden. Wir haben ja diese Strecke von der Kreisstadt Korbach in Richtung Fritzlar gehabt. Die ist stillgelegt worden, zum Teil ist daraus jetzt eine Radstrecke geworden. Es ist auch sehr genutzt, sehr beliebt. Wir sind gerade dabei zu prüfen, ob es da Möglichkeiten gibt, Teilstrecken zu reaktivieren. Es gibt auch einen Antrag sogar in Richtung Sperrmauer.“ Klaus Gier meint die Sperrmauer der Edertalsperre. Ein Bahnanschluss könnte gerade an sonnigen Wochenenden den enormen Autoverkehr Richtung Stausee reduzieren helfen, der sich dann auch mitten durch einige Ortsteile von Edertal schiebt: „Ob das realistisch und machbar ist, das wird sich zeigen, aber man wird in jede Richtung denken müssen. Bei Klimaschutz aber auch Beeinträchtigungen der Anwohner – das sind schon Themen, die wir bespielen müssen.“

Der Landschaftsökologe Manuel Schweiger ist seit Anfang September der neue Leiter des Nationalparks Kellerwald. „Was wirklich besonders beeindruckend ist hier im Nationalpark, sind diese alten Wälder. Weil, das ist wirklich etwas, was es so in Deutschland oder Europa noch ganz selten gibt“, schildert Schweiger die ersten Eindrücke, die er im Urwald mit 300 Jahre alten Buchen und mit bis zu 1000-jährigen Eichen nur ein paar Kilometer südlich der Edertalsperre gewonnen hat. Auch die echten Urwälder an den Hängen seien „wirklich einmalig“. Aber das gehe auch mit einer sehr, sehr großen Verantwortung einher, „diese ganz besonderen Wälder zu erhalten“.

Während die Eichen mit dem Klimawandel bisher vergleichsweise gut zurechtkommen, geht es für die Jahrhunderte alten Buchen wohl zu schnell mit dem Temperaturanstieg in der Atmosphäre und mit der Trockenheit in den Böden. Das Unesco-Weltnaturerbe am Edersee ist bedroht, auch wenn es dem Mischwald im Nationalpark aktuell noch vergleichsweise besser geht als vor allem den Fichtenplantagen in den benachbarten Mittelgebirgswäldern des Sauerlandes oder des Weserberglandes. Mit dem Klimawandel sterben vor allem außerhalb des Schutzgebietes bereits viele Tier- und Pflanzenarten, so Nationalparkchef Manuel Schweiger. Im Schutzgebiet sei das Artenspektrum noch relativ intakt.

„Aber die Ausbreitung, wenn sich das Klima ändert, in andere Lebensräume, ist halt dadurch deutlich erschwert, dass es weniger passende Lebensräume außerhalb eines solchen Schutzgebietes gibt.“ Das globale Artensterben sei noch viel dramatischer als der Klimawandel an sich. Sie hätten die verantwortungsvolle Aufgabe, „wenigstens diesen Artenschatz, den wir hier im Schutzgebiet haben, wirklich auch zu bewahren“.

Die Nationalpark-Leute wollen und können die Förster der Region nicht belehren, was sie mit den Flächen machen sollen, auf denen die Fichten vertrocknen: „Das ist nicht so einfach. Seit 2018 im Sommer diskutiert die Forstwirtschaft: Was können wir jetzt für Bäume pflanzen? Da kommt dann so etwas wie türkische Hasel. Da kommen Douglasien ins Gespräch.“ Es sei natürlich anders als in der Landwirtschaft. „Dort kann man auf ein Jahr reagieren oder auf ein Dreivierteljahr mit Säen und Ernten.“ In der Forstwirtschaft müsse man auf 80 oder 120 Jahre bis zur Ernte denken. „Aber trotzdem sage ich jedem Förster, der zu uns kommt: Von unserem Wald können wir lernen. Es sterben Fichten, es werden auch die ersten Buchen krank und sterben ab.“

Einen hoffnungsvollen Hinweis an die Förster haben der Ranger Markus Daume und der neue Nationalparkleiter Manuel Schweiger am Ende des Rundgangs im Nationalpark dann doch noch: Die Eiche scheint tatsächlich auch im Urwald einer der Bäume zu sein, der am besten mit dem Klimawandel klarkommt:

„Überall stehen immer wieder Eichen mit drinnen, und Eichen werden ja sehr alt. Wir haben hier Eichen, die können bis zu 1.000 Jahre alt werden. Und die werden auch so den einen oder anderen Klimawandel miterleben, sage ich mal. Und die alten Eichen, die hier schon stehen, haben schon das eine oder andere miterlebt in ihrer Lebensgeschichte.“ Sein Begleiter ergänzt, das seien die ältesten Eichenwälder in Deutschland, 1.000 Jahre alt, vielleicht auch mehr. „Die haben schon Kalt- und Warmzeiten überlebt.“ Vor den beiden stünden die Bäume an einem fast senkrechten Südhang. „Ich schätze mal im Jahresdurchschnitt Temperaturunterschiede 60, 70 Grad, nur geschätzt jetzt von mir.“

Die Empfehlung: Sich die heimischen Bäume anschauen, was die leisten könnten. Das sei in einem Nationalpark mitunter möglich. Aber die Förster seien die eigentlichen Experten für ihre Wälder.

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Mathildenhöhe Darmstadt ist Welterbe! Herzlichen Glückwunsch!! Und jetzt auch die SchUM-Städte!! Kommentar dazu weiter unten...






Es ist eine großartige Nachricht: Das "Jerusalem am Rhein" ist Weltkulturerbe! Kreuzzüge schon ab Ende des 11. Jahrhunderts, mittelalterliche Pogrome und selbst der Nationalsozialismus: Diese antisemitischen Exzesse verschiedener Epochen haben es nicht geschafft, die Spuren der vermutlich bis in die Antike zurückreichende jüdischen Hochkultur am Oberrhein zu vernichten. Jetzt sind sie auch über die Region hinaus ins kollektive Gedächtnis der Welt zurückgeholt worden. Es ist überhaupt das erste Mal, dass jüdisches Kulturgut in Deutschland von der UNESCO ausgezeichnet wurde. Das ist wunderbar!

„SchUM“. Die fünf Buchstaben stehen für die mittelalterlichen hebräischen Städtenamen Schpira, (U-) Warmasia und Magenza – Speyer, Worms und Mainz. Der Verbund der jüdischen Gemeinden dort wurde im Jahr 1220 gegründet. Synagogen, jüdische Lehrhäuser, Mikwen und auch dem ältesten und noch erhaltenen jüdischen Friedhof Europas in Worms strahlten kulturell so stark aus, dass die SchUM-Städte bereits im Mittelalter im aschkenasischen, also dem mittel-, nord- und osteuropäische Judentum den Beinamen erhielten: Jerusalem am Rhein! Architektonische Relikte dieser einstigen Blütezeit sind noch in allen drei Orten zu entdecken. Die UNESCO hat den Welterbestatus der SchUM-Städte heute ohne jeden Zweifel anerkannt!

Noch mal ein besonderer Grund zur Freude ist das nach der Naturkatastrophe im Norden und Osten des Bundeslandes für Rheinland-Pfalz. Das Land hatte die Welterbebewerbung tatkräftig unterstützt. Die SchUM-Städte liegen alle in diesem Bundesland, das gute Nachrichten gerade jetzt so bitter nötig hat. Für Rheinland-Pfalz bedeutet das UNESCO- Label eine weitere kulturelle Aufwertung. Schon jetzt ziehen vor allem die mittelalterlichen Dome in Speyer, Worms und Mainz oder auch die römischen Gebäude in Trier zwar viele Kulturtouristen an – doch nun werden auch noch die oft weniger bekannten Monumente der jüdischen Kulturgeschichte dieser Region so stark ins Licht gerückt, wie sie es schon lange verdient haben.

Wer jetzt etwa den Dom in Worms besucht oder im Sommer auf dem Außengelände gleich daneben die Nibelungenfestspiele genießt, wird auch den kurzen Gang zum „Heiligen Sand“ wohl nicht mehr verpassen. Dort kann man eintauchen in eine grüne, leicht hügelige Wiesen-Landschaft, in der unzählige verwitterte und oft schief stehende Steine aus dem Gras ragen. Das mutet an wie eine bretonisch oder irische Menhir-Anlage: Doch es sind keine keltischen Überbleibsel, die dieses Bild erzeugen, sondern 2500 jüdische Grabsteine, teilweise mehr als tausend Jahre alt sind. Der „Heilige Sand“, so heißt der Friedhof seit Jahrhunderten ist ein Ort mit einer ganz besonderen, kontemplativen Aura. Wer nach Worms kommt, sollte sich Zeit für ihn nehmen! Das galt schon vor dem heute vergebenen UNESCO-Label. Aber nun gibt es keinen Grund mehr, dieses und andere großartige Zeugnisse des mittelalterlichen „Jerusalem am Rhein“ noch zu übersehen. Herzlichen Glückwunsch –vor allem an Rheinland-Pfalz. Das UNESCO-Label für die SchUM-Städte ist jedoch auch für ganz Deutschland nach Auschwitz eine Auszeichnung, die mit großer Demut und Dankbarkeit angenommen werden sollte. Schließlich: Der heute vergebene Welterbestatus ist auch ein klares Zeichen gegen jede Form von Antisemitismus!