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Die documenta ist die Weltkunstausstellung - sie findet alle fünf Jahre in Kassel statt. Die kommende d15 wird im Jahr 2022 über die Stadtbühne gehen - geleitet von der indonesischen Künstlergruppe "ruangrupa". Wir werden hier in den nächsten zwei Jahren dokumentieren, wie die d15 - unter Coronabedingungen - vorbereitet wird. Einige in den letzten Monaten gesendete Beiträge: 


 

FAZIT | Beitrag vom 03.04.2021


Leitmotiv der documenta 15

Die Lust aufs Landleben wieder entdecken

 



Die Ökolandwirtschaft ist ressourcenschonend und zukunftsfähig und bietet Jobchancen für viele Frauen. Mit ihr will das Künstlerkollektiv „ruangrupa“ das Landleben retten. (imago / Aurora / Konstantin Trubavin)

Mit dem Slogan „Raus aufs Land“ oder „Lumbung Calling“ will das Künstlerkollektiv „ruangrupa“ sämtliche Probleme der Zeit lösen. In einer Gesprächsreihe stellt es sein erstes Thema für die documenta 15 vor: nachhaltige Dorfgemeinschaften.

(Dorfgemeinschaft in Corona-Zeiten - nicht in Indonesien, sondern in Nordhessen: "Wesertal ist bunt". Foto: Ludger Fittkau)

Traditionelle indonesische Volksmusik bot das Künstlerkollektiv "ruangrupa" aus Jakarta zum Auftakt seiner programmatischen Veranstaltungsreihe zur documenta 15, die im kommenden Jahr über die Bühne gehen soll, wenn es die Pandemie zulässt.

Dabei ist es in Indonesien wie wohl in vielen anderen Teilen der Welt so: Die Jugend in den Dörfern findet das ländliche Leben nicht mehr cool. Sie ist im Internet zuhause oder will weg in die Städte, angezogen vom urbanen Lebensstil. 

Eine Alternative ist „Lumbung“. Das steht für mehr als die „Reisscheune“, die dieses Wort ursprünglich bezeichnet. „Lumbung“ ist die politkulturelle Idee, die   „ruangrupa“ zum Leitmotiv für die documenta 15 machen will.

Mit Ökolandbau die Welt retten

 

„Lumbung“ propagiert für den ländlichen Raum des Riesenlandes Indonesien mit seinen 17.000 Inseln ökologische Landwirtschaft. Die ist ressourcenschonend und damit zukunftsfähig, bietet Jobchancen für viele Frauen und ist der Schlüssel für eine Wiederaneignung traditioneller Werte und Kulturtechniken auf dem Land. „Lumbung Calling“: Das ist der Aufruf, die Lust auf das Landleben wieder zu entdecken – mit der documenta 15 auch weltweit!

Raus aufs Land – das war heute die politpädagogische Botschaft, die Hochschulprofessorin Melani Budianta im Auftrag von „ruangrupa“ über YouTube und Facebook übermittelte. Social-Media-Kanäle würden während der Pandemie auch von lokalen indonesischen Dorfgemeinschaften rege genutzt, um sich über Ökolandbau und agrarisch geprägte Lebensweisen auszutauschen, so Budianta.

Die ersten Auswanderer kehren wieder zurück

 

Während Budianta an der größten Universität Indonesiens mit gleich zwei Standorten in der Zehn-Millionen-Metropole Jakarta als auch in der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt Depok lehrt, ist Armin Salassa Biobauer auf dem Land. Er schildert die Landflucht aus seinem Dorf, die bereits einsetzte, als die sogenannte „Grüne Revolution“ Mitte des vorigen Jahrhunderts die Industrialisierung der Landwirtschaft mit Kunstdünger und Pestiziden auch nach Indonesien brachte. Das zwang viele Menschen aus seiner Region zur Arbeitsemigration.

Doch vor rund einem Jahrzehnt kehrten die ersten Auswanderer wieder zurück. Diese Rückkehr verkörpert für Salassa die Hoffnung, dass auch der Jugend klar gemacht werden kann: Das ländliche Leben ist vor allem dann eine Alternative zum coolen Stadtleben, wenn die Landwirtschaft wieder nachhaltig betrieben werden kann.

Einschränkungen für Frauen durch den politischen Islam

 

Einige Probleme, die „Lumbung Calling“ mit sich bringt, wurden vor allem im Chat angesprochen: Dörfer sind weltweit nicht immer Hochburgen des Feminismus. In Indonesien kann man dort auf sehr reaktionäre Spielarten des politischen Islam treffen, die die zuvor optimistisch beschriebenen Entfaltungsmöglichkeiten von Frauen im Ökolandbau sehr einschränken könnten.

Das könne vorkommen, sagt auch Wissenschaftlerin Budianta, aber die „Lumbung“-Dorfgemeinschaften seien nicht allein, sondern arbeiteten beispielsweise mit den lokalen Regierungen zusammen. Das mache es möglich, politisch gegenzusteuern.

Was aber passiert, wenn auch die lokale Regierung islamistisch geprägt wird? Ist der Ökolandbau für Frauen dann immer noch so attraktiv? Nur eine von vielen Fragen, die unbeantwortet blieben.

Wie wird daraus Kunst auf Weltniveau?

 

Es gibt weltweit gerade nicht nur bei der Umweltbewegung „Fridays für Future“ ein großes Interesse an noch intakten Räumen der Biodiversität. Und Toronto oder Berlin sind vielleicht aus Sicht der Stadtökologie auf Dauer „zu cool“, weil irgendwann zu dicht bevölkert. Aber ist das ein Grund, aufs Land zu gehen? Auch das Künstlerkollektiv „ruangrupa“ lebt in der Megametropole Jakarta. Zwei aus der Gruppe arbeiten seit einigen Monaten im „Ruru Haus“ mitten in der Kasseler Innenstadt, um die documenta vorzubereiten.

(ruru-Haus in Kassel. Foto: Ludger Fittkau)

Eine Frage, die ebenso offen blieb: Wie kann die politisch notwendige und sinnvolle Debatte um Ökolandbau und die Zukunft der Dörfer in aktuelle Kunst von Weltniveau einfließen, die das Publikum von der bedeutenden Kunstausstellung in Kassel eigentlich erwartet? Die Antwort auf diese Frage werden wir womöglich erst bekommen, wenn die documenta 15 ihre Pforten öffnet.

Nach „Lumbung“ will „ruangrupa“ soziale Phänomene in den Blick nehmen, die uns auf den ersten Blick vertrauter scheinen als die Reisscheunen-Metapher: Humor und Großzügigkeit, Unabhängigkeit, Transparenz, Genügsamkeit und Regeneration. Klingt alles ähnlich sympathisch wie die Ökodorf-Gemeinschaftsscheune, doch auch ein wenig wie das Wellnessweiterbildungsprogramm gestresster Mittelschichten in den Megacitys der Welt.
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FAZIT | Beitrag vom 12.01.2021


15. documenta in Kassel

Generaldirektorin denkt über Verschiebung nach

 


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Eigentlich soll die 15. documenta 2022 stattfinden. Doch angesichts der Coronapandemie wachsen bei Generaldirektorin Sabine Schormann die Zweifel, ob der Termin gehalten werden kann. Eine Verschiebung um ein Jahr wird immer wahrscheinlicher.

Die documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann zweifelt zunehmend daran, dass die documenta 15 wirklich wie vorgesehen im kommenden Jahr in Kassel stattfinden kann. Die Coronapandemie stört nämlich die Vorbereitungen der Weltkunstausstellung erheblich. 

Noch sei sie nicht so weit, dass sie das abschließend bewerten könne, so Sabine Schormann. Dafür sei auch noch Zeit bis zum Sommer. Aber sie sehe die Lage heute deutlich skeptischer als noch vor sechs Wochen:

„Eine Lösung könnte sein, doch verschieben zu müssen. Wir beobachten das natürlich laufend und bewerten das auch ständig neu. Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir davon aus, dass es 2022 stattfinden kann. Gegebenenfalls angepasst an Regularien, die noch entstehen. Aber wenn das jetzt, wie einige spekulieren, bis Ende des Jahres so weitergeht, dass überhaupt nicht gereist werden kann und auch, dass zum Beispiel gar nicht organisiert werden kann, das hier vor Ort gearbeitet werden kann, dann ist es einfach nicht mehr möglich, das umzusetzen.“

Die ganze Welt soll nach Kassel kommen

 

Bisher sei die Vorbereitung der vom indonesischen Künstlerkollektiv Ruangrupa geleiteten documenta 15 über weite Strecken gut über Videokonferenzsysteme möglich gewesen, betont die documenta-Generalsekretärin.

Doch in der nächsten Phase der Vorbereitung, in der etliche Künstler aus verschiedenen Regionen der Welt auch für längere Zeit nach Kassel reisen und auch der kollektive Austausch sowie künstlerische Arbeit über Wochen oder gar Monate organisiert werden müssten, käme man nun unter Corona-Bedingungen doch an inhaltliche Grenzen:

„Dann macht es auch im Grunde gar keinen Sinn. Denn diese Art des Austausches, der durchaus auch auf diese lokale Art und Weise angelegt ist, heißt auch, dass auch vor Ort etwas entsteht – wir sagen immer: ‚als Ernte in Kassel eingefahren wird‘, als ‚großes Erntefest‘. Wenn das dann nicht oder nur in einer abgespeckten Form stattfinden kann, dass der Geist gar nicht mehr rüberkommt, dann finde ich, ist es eine inhaltliche Frage, ob das sinnvoll ist oder ob man nicht ein Jahr Verlängerung in Kauf nimmt.“

Weg von der Gigantomanie

 

Was eine Verschiebung der documenta 15 auf das Jahr 2023 finanziell bedeuten würde, müsse spätestens im Sommer in den Aufsichtsgremien der Weltkunstausstellung diskutiert werden.

Klar ist schon jetzt: Ruangrupa und auch die jetzige documenta-Geschäftsführung unter der Leitung von Sabine Schormann wollen ohnehin weg von der Gigantomanie und dem Zwang, beim nächsten Mal unbedingt ein Millionenpublikum nach Kassel locken zu müssen.

Im Zweifel sollen weniger Künstlerinnen und Künstler auch unter Corona-Bedingungen gut zugängliche Werke schaffen.

Schormann weist Kritik zurück

 

Sabine Schormann weist von Kunstkritikerinnen und -Kritikern geäußerte Zweifel an der künstlerischen Qualität der d15-Teilnehmerinnen und Teilnehmer zurück, die das Kollektiv aus Jakarta auswählt, ob fürs nächste oder eben erst fürs übernächste Jahr:

„Wenn ich mir die Liste der Künstler angucke, mit denen entweder Ruangrupa direkt oder die Lumbung-Partner zusammenarbeiten wollen, bin ich tatsächlich optimistisch, dass es da auch einige große künstlerische Akzente geben wird.“

Die Diskussionen in den Videokonferenzen, etwa zur Entscheidung über den Zeitpunkt und die genaue Konzeption der documenta 15, werden übrigens vom documenta-Archiv dokumentiert und zu einem späteren Zeitpunkt womöglich auch öffentlich gemacht.

Digitaler und nachhaltiger

 

Das kann sich Birgitta Coers gut vorstellen. Die Kunsthistorikerin mit viel Erfahrung im Bereich der Digitalisierung leitet seit Oktober das documenta-Archiv und arbeitet aktuell mit einem sechsköpfigen Team an der Aufarbeitung den NS-Verstrickungen eines Teils der documenta-Gründergeneration.

Aber das Archiv hilft Ruangrupa auch bei der Herausforderung, in Pandemiezeiten viel digitaler zu denken, als zuvor geplant war. Etwa Online-Workshops zu organisieren und zu dokumentieren, erklärt Birgitta Coers:

„Da geht es auch um Workshop-Veranstaltungen, darum zu sagen, im Anschluss an Joseph Beuys neu nachzudenken über Lebensformen, über Zukunftskonzepte, über Fragen der Nachhaltigkeit. Auch das sind alles Dinge, die Ruangrupa sehr bewegen und eine Grundidee darstellten, die die ganze documenta 15 begleitet.“

Sehnsucht nach dem Austausch vor Ort

 

Doch auch Birgitta Coers lässt im Gespräch keinen Zweifel: Auch sie sehnt sich nach einer documenta, die Öffentlichkeit unter Anwesenden in einem viel größeren Maße ermöglicht, als es die Coronapandemie zurzeit erlauben würde.

Stand heute spricht vieles für eine Verschiebung der documenta 15 auf das 2023.


https://www.deutschlandfunkkultur.de/15-documenta-in-kassel-generaldirektorin-denkt-ueber.1013.de.html?dram:article_id=490717