Obwohl es wieder einige Hessen-Bezüge gibt: Diesmal war es kein Fund in hessischen Archiven, sondern im Archiv des Liberalismus der Friedrich- Naumann-Stiftung im nordrhein-westfälischen Gummersbach, der zu einem weiteren Widerstands-Buch führte, das im Juli erscheint:
Am 25. Juni 1958 – es war der Tag ihres 80. Geburtstags - verlieh Willy Brandt als damaliger Regierender Bürgermeister Berlins der Frauenrechtlerin und liberalen Politikerin Marie-Elisabeth Lüders die Ehrenbürgerrechte der Stadt. Brandt lobte in seiner Rede ausdrücklich Lüders` „selbstloses und mutiges Verhalten in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ die nun „volle Anerkennung finden“ müsse.
Doch auch kurz vor ihrem 150. Geburtstag in zwei Jahren ist Brandts Forderung aus verschiedenen Gründen (diese werden im Buch erörtert) noch nicht erfüllt. Der neue Archivfund zu Marie-Elisabeth Lüders könnte das jedoch nun ändern: „Lüders´ Liste“ umfasst 30 Zeitzeuginnen und Zeugen – darunter prominente Jüdinnen und Juden wie den Industriellen Richard Merton aus Frankfurt am Main. Seine Aussage bezieht sich auf einen Rettungsversuch der in Frankfurt bekannten jüdischen Schwestern Martha und Lydia Wertheimer, an dem Lüders beteiligt war. Aber auch die Berliner Kriminalkommissarin Martha Mosse wie der Bonhoeffer-Verteidiger Kurt Wergin und andere mehr berichten dort in einem Anerkennungsverfahren für politisch Verfolgte des NS-Regimes über Lüders´ oppositionelle Aktivitäten im Nationalsozialismus.
Die Aussagen machen deutlich: Die Frauenrechtlerin Marie-Elisabeth Lüders, nach der ein Bundestagsgebäude benannt und die von Willy Brandt zur Berliner Ehrenbürgerin ernannt wurde, war viel aktiver im Kampf gegen den Nationalsozialismus, als bisher bekannt war.
In einzelnen Publikationen wurde zwar bereits berichtet, dass sie in ihrer Wohnsiedlung Eichkamp im Berliner Grunewald Jüdinnen und Juden vor der Verfolgung zu schützen versuchte. Nicht bekannt allerdings war bis heute: Sie war Teil eines sehr aktiven Untergrundsystems zur Rettung Verfolgter, zu dem neben Nachbarn und Frauenbewegten auch ehemalige demokratische Politiker der Weimarer Zeit sowie die Quäker gehörten. Den jüdischen Widerstandskämpfer Walter Becker begleitete Marie-Elisabeth Lüders auf seinem letzten Weg in die Todeszelle von Plötzensee, mit den in Mittelhessen geborenen Geschwistern Agnes von Zahn-Harnack und Ernst von Harnack (in den 20er Jahren Landrat in Hersfeld) verhalf sie Johanna Hinrichsen, einer jüdischen Mitarbeiterin des 1933 aufgelösten Deutschen Akademikerinnenbundes (DAB), zur Flucht nach Großbritannien. Ende Juni feiert dieser Verband übrigens seinen 100. Geburtstag in Berlin – die beiden Gründerinnen Lüders und Zahn-Harnack werden in der Einladung erwähnt:
Wenige Tage später erscheint „Lüders´ Liste. Marie-Elisabeth Lüders im Kampf gegen den Nationalsozialismus“ im Marburger Schüren-Verlag. Das Buch kann vorbestellt werden.