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Text aus: haGalil.com. Jüdisches Leben online:

Lüders‘ Liste


1. Juli 2026

Ludger Fittkaus neue Monografie widmet sich der Politikerin und Frauenrechtlerin Marie-Elisabeth Lüders (1878–1966) und ihrem Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Im Zentrum steht eine bislang unbeachtete Quelle: eine Liste mit 30 Namen, die Lüders 1951 zusammenstellte, um ihre Anerkennung als NS-Verfolgte zu verteidigen – jene Liste, die dem Buch seinen Titel gibt.

Von Franz Josef Schäfer

Marie-Elisabeth Lüders blickte auf eine lange politische Laufbahn zurück: Von 1919 bis 1930 gehörte sie – mit einer kurzen Unterbrechung im Februar 1921 – für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) dem Reichstag an, von 1949 bis 1951 war sie Stadträtin für Sozialwesen in Berlin (West), und von 1953 bis 1961 saß sie als Alterspräsidentin für die FDP im Deutschen Bundestag. 2003 wurde ihr zu Ehren mit dem Marie-Elisabeth-Lüders-Haus der dritte Parlamentsneubau in Berlin eingeweiht.


Bereits vor 1933 engagierte sich Lüders im Bund Deutscher Frauenvereine, gründete den Deutschen Akademikerinnenbund und veröffentlichte mit „Revolte der Frauen“ einen Zeitungsartikel gegen das NS-Frauenbild. Als erklärte Gegnerin der Nationalsozialisten wurde sie 1934 aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen, 1937 verhaftet und im Untersuchungsgefängnis Moabit inhaftiert. Auch nach ihrer Entlassung beteiligte sie sich an riskanten Rettungsaktionen für Jüdinnen und Juden sowie für inhaftierte Regimegegner. 1946 wurde sie als „Opfer des Nationalsozialismus“ anerkannt, im September 1947 bestätigte ein sogenannter „roter Ausweis“ diesen Status.
Genau dieser Status geriet 1951 unter Beschuss: Am 11. April startete die in Ost-Berlin erscheinende „Tägliche Rundschau“ einen Angriff auf Lüders und stellte in Abrede, dass sie Widerstand gegen den Nationalsozialismus geleistet habe. Wie schockiert Lüders davon war, zeigen Briefe, die sie kurz danach an Freundinnen und Freunde schrieb – etwa an Erica L. Rothe, eine jüdische Freundin, deren Mann Alfred Becker Lüders während der NS-Zeit mit gefälschten Papieren gerettet hatte und deren Schwager Walter sie gemeinsam mit Rothe in der Todeszelle der Nazis besucht hatte. Darin heißt es: „Jeder Verbrecher hat ein Recht darauf, gehört zu werden, gegen mich betreibt man aber eine Art Femeverfahren. Bitte bescheinigen Sie mir, dass ich vielen Juden geholfen, sie zum Teil bei mir versteckt, sie mit auf meinen Karten versorgt habe etz.“ Sie habe ein Recht auf die Rente, die sie verschenkt habe: „Darüber hinaus habe ich allein in 1950 insgesamt gut 5000 DM verschenkt, um jungen Menschen beim Aufbau einer Existenz zu helfen, da ich aber kein Pharisäer bin, kann ich ja damit nicht gut hausieren gehen“ (S. 56).

Am 27. Juni 1951 wurde Lüders schließlich aufgegeben, innerhalb von drei Monaten nachzuweisen, dass sie im Juni 1937 aus politischen Gründen an der Bekämpfung des Nationalsozialismus mitgewirkt und durch ihre Inhaftierung ein gesundheitliches Leiden davongetragen hatte. Sie schrieb daraufhin an zahlreiche Weggefährtinnen und Weggefährten sowie an weitere Menschen, mit denen sie während der NS-Zeit in Kontakt gestanden hatte, und legte schließlich jene Liste mit 30 Namen vor, die Fittkau im Archiv des Liberalismus der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Gummersbach entdeckte. Weil Lüders erneut als NS-Verfolgte eingestuft wurde, geriet die Liste danach in Vergessenheit – und blieb, wie Fittkau feststellt, von der Forschung unbeachtet: „Weil ,Lüders‘ Liste‘ bisher unbekannt war, blieben einige linksliberale und feministische ,Inseln der Gegnerschaft‘ (Velsen) im Meer der NS-Ideologie bis heute weitgehend unentdeckt“ (S. 372).

In seiner Monografie stellt Fittkau zunächst die Menschen von Lüders‘ Liste in fünf Kapiteln vor: I. Von Beckmann bis von Berg; II. Von Beutner bis Dobbertin; III. Von Durand-Wever bis Höpker-Aschoff; IV. Von Kamm bis Loerbroks; V. Von Lemmer bis Wergin. Sechs weitere Kapitel widmen sich unter dem Titel „Inseln der Gegnerschaft“ konkreten Orten und Netzwerken: I. Ried; II. Eichkamp-Siedlung, Berlin-Grunewald; III. Quäker-Büro, Berlin-Mitte; IV. Freiburg im Breisgau; V. Elsass/Odenwald; VI. Berlin-Mitte, Kronenstraße 7. Das Eröffnungskapitel trägt den Titel „Als Sie noch in den Windeln lagen, junger Mann …“, das dritte Kapitel heißt „Das Verfahren“.

Den größten Raum nimmt mit den Seiten 263 bis 369 das 14. Kapitel ein: „Der ,Gräberkommissar‘ Ernst von Harnack – Netzwerk des Widerstands“, gegliedert in zwölf Unterkapitel. Für dieses Kapitel wertete Fittkau auch Akten des Bundesarchivs aus, darunter den Nachlass Ernst von Harnacks. Der schriftliche Nachlass Marie-Elisabeth Lüders‘ selbst war bereits in den 1970er-Jahren von ihrem Sohn Hans Uwe Lüders (1922–2000) an das Bundesarchiv Koblenz übergeben worden.

Wie das Kapitel zeigt, war Lüders während der NS-Zeit in ein linksliberal geprägtes Netzwerk eingebunden, das gegenseitige Hilfeleistung ebenso ermöglichte wie offene Gespräche in Räumen, auf die die Gestapo nicht jederzeit Zugriff hatte. Zugleich diente es der Rettung von Jüdinnen und Juden vor der Deportation – mithilfe der Quäker und engagierter Einzelpersonen, vor allem von Frauen. Auf den „Inseln der Gegnerschaft“ wurden zudem die Umsturzpläne verfolgt, die im 20. Juli 1944 mündeten. Eine Schlüsselrolle darin spielte, ähnlich wie Wilhelm Leuschner (1890–1944) im Gewerkschaftslager des Widerstands, Ernst von Harnack (1888–1945) – der Bruder der engen Lüders-Vertrauten Agnes von Zahn-Harnack (1884–1950). Er vernetzte über das sozialdemokratische Spektrum der Konspiration hinaus, etwa durch seine Verbindung zu Generaloberst a.D. Ludwig Beck (1880–1944), zur Lufthansa-Widerstandsgruppe um Klaus Bonhoeffer (1901–1945) sowie zu den Liberalen Theodor Heuss (1884–1963) und Elly Heuss-Knapp (1881–1952) im erweiterten Liebig-Familienkreis.

Fittkaus Fazitkapitel endet mit den Worten: „Ihr [Lüders‘] beharrliches Engagement richtete sich gegen das Patriarchat sowie gegen den Rechtsextremismus. Dieser ,Abwehrkampf‘ geht weiter. Bis heute“ (S. 375).

Ludger Fittkau, Lüders‘ Liste. Marie-Elisabeth Lüders im Kampf gegen den Nationalsozialismus, Schüren Verlag 2026, 384 S., Euro 34,00


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Obwohl es wieder einige Hessen-Bezüge gibt:  Diesmal war es kein Fund in hessischen Archiven, sondern im Archiv des Liberalismus der Friedrich- Naumann-Stiftung im nordrhein-westfälischen Gummersbach, der zu einem weiteren Widerstands-Buch führte, das im Juli erscheint:

https://www.schueren-verlag.de/demnaechst/titel/lueders-liste.html


Am 25. Juni 1958 – es war der Tag ihres 80. Geburtstags - verlieh Willy Brandt als damaliger Regierender Bürgermeister Berlins der Frauenrechtlerin und liberalen Politikerin Marie-Elisabeth Lüders die Ehrenbürgerrechte der Stadt. Brandt lobte in seiner Rede ausdrücklich Lüders` „selbstloses und mutiges Verhalten in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ die nun „volle Anerkennung finden“ müsse.

Doch auch kurz vor ihrem 150. Geburtstag in zwei Jahren ist Brandts Forderung aus verschiedenen Gründen (diese werden im Buch erörtert) noch nicht erfüllt. Der neue Archivfund zu Marie-Elisabeth Lüders könnte das jedoch nun ändern: „Lüders´ Liste“ umfasst 30 Zeitzeuginnen und Zeugen – darunter prominente Jüdinnen und Juden wie den Industriellen Richard Merton aus Frankfurt am Main. Seine Aussage bezieht sich auf einen Rettungsversuch der in Frankfurt bekannten jüdischen Schwestern Martha und Lydia Wertheimer, an dem Lüders beteiligt war. Aber auch die Berliner Kriminalkommissarin Martha Mosse wie der Bonhoeffer-Verteidiger Kurt Wergin und andere mehr berichten dort in einem Anerkennungsverfahren für politisch Verfolgte des NS-Regimes über Lüders´ oppositionelle Aktivitäten im Nationalsozialismus.

Die Aussagen machen deutlich: Die Frauenrechtlerin Marie-Elisabeth Lüders, nach der ein Bundestagsgebäude benannt und die von Willy Brandt zur Berliner Ehrenbürgerin ernannt wurde, war viel aktiver im Kampf gegen den Nationalsozialismus, als bisher bekannt war.

In einzelnen Publikationen wurde zwar bereits berichtet, dass sie in ihrer Wohnsiedlung Eichkamp im Berliner Grunewald Jüdinnen und Juden vor der Verfolgung zu schützen versuchte. Nicht bekannt allerdings war bis heute: Sie war Teil eines sehr aktiven Untergrundsystems zur Rettung Verfolgter, zu dem neben Nachbarn und Frauenbewegten auch ehemalige demokratische Politiker der Weimarer Zeit sowie die Quäker gehörten. Den jüdischen Widerstandskämpfer Walter Becker begleitete Marie-Elisabeth Lüders auf seinem letzten Weg in die Todeszelle von Plötzensee, mit den in Mittelhessen geborenen Geschwistern Agnes von Zahn-Harnack und Ernst von Harnack (in den 20er Jahren Landrat in Hersfeld) verhalf sie Johanna Hinrichsen, einer jüdischen Mitarbeiterin des 1933 aufgelösten Deutschen Akademikerinnenbundes (DAB), zur Flucht nach Großbritannien. Ende Juni feiert dieser Verband übrigens seinen 100. Geburtstag in Berlin – die beiden Gründerinnen Lüders und Zahn-Harnack werden in der Einladung erwähnt:

https://www.dab-ev.org/de/100jahredab.php

Wenige Tage später erscheint „Lüders´ Liste. Marie-Elisabeth Lüders im Kampf gegen den Nationalsozialismus“ im Marburger Schüren-Verlag. Das Buch kann vorbestellt werden.